Ärzte Zeitung, 23.11.2015

KVWL

"Richtgrößenprüfung schreckt den Nachwuchs ab!"

Bei den Vereinbarungen zu den Arzneimittel-Verordnungen auf Landesebene sieht KVWL-Chef Thomas Müller Ärzte und Krankenkassen in der Pflicht.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖNIGSWINTER. Die Ablösung der Richtgrößenprüfungen ist aus Sicht der Vertragsärzte eines der positiven Elemente des Versorgungs-Strukturgesetzes.

"Die Richtgrößenprüfung ist nicht das richtige Instrument zur Steuerung der Arzneimittelversorgung, aber ein abschreckendes Instrument für den Nachwuchs", sagte Thomas Müller, Geschäftsführer der KV Westfalen-Lippe (KVWL), beim "Petersberger Forum" in Königswinter bei Bonn.

Müller warnte allerdings vor überzogenen Erwartungen. "Der wolkenfreie Himmel wird dadurch nicht aufgehen." Auf der Landesebene werde es weiter Vereinbarungen zu den Arzneimittel-Verordnungen geben.

Dabei müssten Ärzte und Krankenkassen ihre Handlungsspielräume nutzen. Sie könnten einzelne Wirkstoffgruppen analysieren und gemeinsam Zielvereinbarungen definieren.

Auf die Umsetzung kommt es an

Die KVWL wolle die Information der Mitglieder über die Verordnungen weiter professionalisieren. "Im ersten Quartal 2016 startet unsere neue Arzneimittel-Trendmeldung mit Quoten für Leitsubstanzen, Generika, Biosimilars und anderen", kündigte er an. Bei diesen und anderen positiven Elementen des Gesetzes komme es jetzt darauf an, wie die Selbstverwaltung sie umsetze, betonte Müller.

Insgesamt zog der KVWL-Geschäftsführer ein gemischtes Fazit der jüngsten Gesundheitsreform. Als positiv bewertete er auch die Förderung der Arztnetze, die Förderung der Weiterbildung Allgemeinmedizin und den Strukturfonds.

Bei der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) kritisierte er den Wegfall der schweren Verlaufsformen als Zugangskriterium. Müller sieht es als Problem, dass es für die Bildung von ASV-Teams keine Anreize gibt. Das gelte generell für diesen Bereich. "Es werden viele Forderungen gestellt, aber keine Anreize gesetzt."

Erwartungsgemäß bemängelte Müller, dass die KVen auch künftig bei der hausarztzentrierten Versorgung außen vor bleiben. Auch die Termin-Servicestellen fanden in seinen Augen keine Gnade.

Schon heute würden die Vertragsärzte bei medizinischer Notwendigkeit sich darum bemühen, dass Patienten zeitnah versorgt werden.

Das sieht Dr. Martin Krasney, Justiziar des GKV-Spitzenverbands, anders. "Die Termin-Servicestellen kommen nicht von ungefähr, es hat in der Praxis Probleme gegeben."

Das lasse sich durch Tests mit Online-Terminvergaben nachweisen. Wenn man sich bei manchen Hautärzten durch die Angaben klicke, erscheine am Schluss die Frage nach dem Versichertenstatus.

"Als Privatpatient erhält man einen Termin in drei Tagen, als GKV-Patient muss man vier bis sechs Monate warten", berichtete er. Die Servicestellen sollten als Chance für Patienten verstanden werden, schneller an Termine zu kommen, sagte Krasney.

Positiv bewertete auch er den Innovationsfonds. Die Umsetzung habe begonnen, der Innovationsausschuss habe sich im Oktober konstituiert. "Hier liegt viel Potenzial, das man nutzen kann."

Es sei klar, dass es rund um die Mittelvergabe für Projekte zu innovativen Versorgungsformen und der Versorgungsforschung Diskussionen geben werde. Deshalb sei gute Vorbereitung entscheidend: "Angesichts der klagefreudigen Akteure müssen Entscheidungen wasserdicht sein."

"Hebammenverband intransparent"

Als "Sündenfall" geißelte er den Regressverzicht bei Hebammen. Die Kassen dürfen künftig nur noch bei vorsätzlich oder grob fahrlässig verursachten Schäden die Behandlungs- und Pflegekosten zurückfordern.

In der Diskussion über die hohen Prämien für die Berufshaftpflicht der freiberuflichen Hebammen, für die die Kassen zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen, warf Krasney dem Deutschen Hebammenverband Intransparenz vor.

Es sei den Kassen nicht gelungen, Einblick in den Gruppen-Versicherungsvertrag zu erhalten, berichtete er. "Wir haben die Versicherungsbedingungen angefordert, wir haben die Schiedsstelle eingeschaltet, aber wir haben sie nicht bekommen."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So hoch ist die Lebenserwartung in der Welt

Wer als Junge in Deutschland geboren wird, darf sich im Schnitt auf 78 Jahre freuen. Wie hoch ist die Lebenserwartung in anderen Ländern der Welt? Wir geben die Antwort. mehr »

Der Gesundheitsminister will das E-Rezept

Krankenkassen, Ärzte und Apothekerschaft sollen in ihren Rahmenverträgen das elektronische Rezept ermöglichen. Eine gesetzliche Verpflichtung soll bis 2020 stehen. mehr »

Diabetes-Strategie zum Greifen nah

Der gezielte Kampf gegen Diabetes könnte schon bald konkrete Formen annehmen. Zum heutigen Welt-Diabetestag zeichnet sich zwischen Union und SPD ein Kompromiss für eine nationale Diabetes-Strategie ab. mehr »