Ärzte Zeitung online, 21.06.2017
 

Nordrhein

Neue Regeln stehen

Richtgrößenprüfungen sind in Nordrhein Vergangenheit. Sie werden von Durchschnittsprüfungen ersetzt. Das sehen die Arznei- und Heilmittelvereinbarungen 2017 vor, die die KV nach langwierigen Verhandlungen mit den Kassen Anfang Mai endlich unterschrieben hat.

Von Ilse Schlingensiepen

Neue Regeln stehen

Auffällig wird in Nordrhein nur, wer 50 Prozent teurer verordnet als der Durchschnitt seiner Fachgruppe. Flankiert wird diese Grenze von vier zusätzlichen Quotenzielen, deren Einhaltung vor einem Regress schützt.

© Stefan Rajewski / Adobe.Stock.com

DÜSSELDORF. In Nordrhein hat sich für niedergelassene Ärzte die Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert, in eine Wirtschaftlichkeitsprüfung zu kommen. Erst wenn die Praxen innerhalb eines Kalenderjahres bei der Verordnung von Arznei- oder Heilmitteln Kosten veranlassen, die mehr als 50 Prozent über dem Fachgruppendurchschnitt liegen, schauen die Prüfer künftig genauer hin. Bislang hieß das Aufgreifkriterium 25 Prozent über Richtgröße. Die Durchschnittswerte der Praxen werden differenziert nach Altersgruppen berechnet. Liegt eine Praxis weniger als 50 Prozent über dem Fachgruppendurchschnitt, ist die Prüfung beendet. Eine Überschreitung der Grenze bedeutet aber nicht automatisch die Einleitung eines Regressverfahrens. Denn dann rücken im zweiten Schritt bestimmte Quotenziele in den Fokus der Prüfer. Erfüllt eine Praxis alle für die Fachgruppe geltenden Quoten, endet die Prüfung.

Neue Regeln stehen

Generikaquote und KBV-Katalog

Für Allgemeinmediziner und hausärztliche Internisten sind vier Quoten vorgesehen:

  • Sie müssen mindestens 91 Prozent Generika verordnen
  • und dürfen bei den sogenannten Me-too-Präparaten einen Anteil von 1,8 Prozent nicht überschreiten.
  • Bei Blutzuckerteststreifen müssen die Hausärzte mindestens 82,5 Prozent der Packungen aus den günstigen Preisgruppen A2 und B verordnen.
  • Die bisher für Allgemeinmediziner und hausärztliche Internisten geltenden vier DDD-Quoten zu Antibiotika, Statinen, ACE-Hemmern und Metformin sind durch den Medikationskatalog der KBV ersetzt worden. Er wird als eine Quote betrachtet. Der Medikationskatalog umfasst 22 Indikationen und teilt die zugelassenen Wirkstoffe in Standard-, Reserve- und nachrangig zu verordnende Wirkstoffe ein, gekoppelt an eine Ampelsystematik. Die Ärzte sollen zu mindestens 73 Prozent Standardwirkstoffe verordnen, dann sind sie im grünen Bereich.
  • Dabei müssen diese Vorgabe nicht in jeder einzelnen Indikation erfüllt werden, erläutert Apotheker Dr. Holger Neye, Leiter der Pharmakotherapieberatung der KVNo. "Das Gesamtbild muss stimmen". Ein Hausarzt, der einen Schwerpunkt in der Diabetiker-Versorgung hat und bei dieser Indikation sein Ziel verfehlt, kann das durch Übererfüllung des Quotentziels in anderen Indikationsgebieten wie Asthma oder Depression ausgleichen. Der Umgang mit dem neuen Instrument Medikationskatalog soll kein Stochern im Nebel werden. "Die Ärzte erhalten regelmäßig einen Feedback-Bogen", versichert Neye. Daraus werde ersichtlich, wie sie in den einzelnen Indikationen dastehen, auch im Vergleich zu ihrer Fachgruppe.
  • 14 Praxisbesonderheiten gestrichen
  • In Nordrhein werden die Verordnungsausgaben der Praxen auch künftig um vereinbarte Praxisbesonderheiten bereinigt. Mit Ausnahme der Insuline werden sie künftig nur noch in voller Höhe anerkannt. 14 Praxisbesonderheiten sind ganz weggefallen: Wachstumshormone, Plasmafaktoren, atypische Neuroleptika, Opioide, Verteporfin, Mittel zur Hyposensibilisierung, Glaukomtherapeutika, Antiparkinsonmittel, Antithrombotika, Triptane, Bisphosphonate, selektive Estrogenrezeptormodulatoren, Mittel zur Behandlung von Tic-Störungen, 4-Hydroxybuttersäure, Ziconotid und Linezolid. Als Grund für die Streichung führen die Vertragspartner an, dass ausreichend generische Wirkstoffe zur Verfügung stehen oder aber, dass die Verordnung keine Besonderheit mehr darstellt, weil sie in den meisten Praxen der Fachgruppe mittlerweile üblich ist.
  • Neu niedergelassene Ärzte erhalten gemäß Rahmenvorgabe in den ersten beiden Jahren "Welpenschutz"; sie werden nicht geprüft, sondern bei Auffälligkeiten beraten. Bei allen anderen Ärzten greift dieses Prinzip, wenn sie zum ersten Mal auffällig werden. Bleiben Verordner nach einem Regress oder einer Beratung fünf Jahre lang ohne Beanstandung, werden sie so behandelt, als habe es nie Auffälligkeiten gegeben. Verfehlen die Ärzte dann die Ziele der Arzneimittelvereinbarung, erhalten sie also erneut zunächst nur eine Beratung und nicht direkt einen Regress.

Neye weist darauf hin, dass sich Einzelanträge der Kassen zur Verordnung unzulässiger Arznei- und Heilmittel oder zum Sprechstundenbedarf nicht erledigt haben: "Sie bleiben außen vor." Hier drohen den Ärzten nach wie vor unmittelbare Rückzahlungen. In Nordrhein gibt es pro Jahr rund 12.000 Einzelfallprüfungen.

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"Prüfvereinbarungen"

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