Ärzte Zeitung online, 15.12.2017

Arzneiinformationssystem

Bedrohung für Ärzte?

Ärzte müssen jetzt handeln, um Fehlentwicklungen beim geplanten Arztinformationssystem (AIS) zu verhindern, mahnt die KVWL.

Von Ilse Schlingensiepen

Bedrohung für Ärzte?

Das AIS darf sich nicht zum Verordnungssteuerungssystem mausern, fordert die KVWL.

© megaflopp / Fotolia

DORTMUND. Die Ärzteschaft sollte die durch die verzögerte Regierungsbildung gewonnene Zeit nutzen, um eine Fehlentwicklung bei dem geplanten Arztinformationssystem (AIS) zu verhindern, fordert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Dr. Wolfgang-Axel Dryden. Die Politik müsse davon überzeugt werden, dass das AIS kein Verordnungssteuerungssystem für die Krankenkassen werden dürfe, sagte Dryden auf der Vertreterversammlung in Dortmund.

Es sei Wille der Politik, mit dem AIS innovative Arzneimittel mit festgestelltem Zusatznutzen früher in die Patientenversorgung zu bringen. Dieser noch relativ offen formulierte Wunsch des Gesetzgebers solle nun durch eine Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums konkretisiert werden. "Ob und wie das Arztinformationssystem künftig wirkt, hängt entscheidend von den Leitplanken ab, die in dieser Rechtsverordnung gesetzt werden", betonte Dryden. Es könne entweder die Arbeit des Arztes unterstützen und erleichtern oder zu mehr Bürokratie und einer größeren Bedrohung für die Praxen werden. Dryden fürchtet, dass sich Letzteres realisieren wird. Der GKV-Spitzenverband habe sich deutlich für ein Verordnungssteuerungssystem ausgesprochen. Die Krankenkassen wollten ein System, das den Arzt warnt, wenn er außerhalb der Subindikationen mit Zusatznutzen, aber im Rahmen der Zulassung verordnet. Nur wenn der Arzt in einem solchen Fall die Kodierung verfeinere, müsse er wohl keine Wirtschaftlichkeitsprüfung fürchten, so Dryden. Das sei eine Bedrohung für Ärzte. "Durch die Hintertür würde ein solches AIS ein Kodiererfordernis einführen, das noch über die von uns abgelehnte Allgemeine Kodierrichtlinie hinausgeht." Das bedeute ein Mehr an Bürokratie.

Dryden lehnt ein Verordnungssteuerungssystem ab, das in seiner extremen Ausgestaltung dem Arzt vorschreibt, was er bei einer bestimmten Indikation unter Wirtschaftlichkeitsaspekten zu verordnen hat. "Wenn Sie das zu Ende denken, sind Sie in der IT-gestützten Kochbuchmedizin", warnte Dryden. Therapiefreiheit und die individuelle Behandlung der Patienten nach dem Stand der Wissenschaft wären dann nicht mehr möglich. "Die Vorstellung der Krankenkassen ist, dass Sie eine Diagnose kodieren und der Computer spuckt das Rezept aus. Das kann es nicht sein."

Die Delegierten schlossen sich der Einschätzung des KVWL-Chefs an. Mit nur einer Enthaltung verabschiedeten sie eine von ihm eingebrachte Resolution, die ein AIS mit Steuerungswirkung ablehnt.

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