Ärzte Zeitung, 28.05.2014
 

Kulturelle Hürden

Mit der Mini-Ethnografie zur richtigen Anamnesean

Wenn die Compliance bei Patienten mit Migrationshintergrund nicht stimmt, hat das nicht immer etwas mit der Verständigung zu tun. Oft sind kulturelle Hintergründe oder die derzeitigen Lebensumstände der Auslöser. Wichtig ist daher eine migrationsspezifische Anamnese.

Von Marion Lisson

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Familienbetreuung: Hausärzte mit interkulturellem Wissen haben es leichter, ein langfristiges Vertrauensverhältniszu Patienten mit Migrationshintergrund aufzubauen.

© Klaus Rose

HEIDELBERG. Menschen mit Migrationshintergrund haben oft ihre eigene Auffassung von Gesundheit, Krankheit sowie deren Behandlungsmöglichkeiten. "Hausärzte sollten daher bei diesen Patienten mit einer migrationsspezifischen Anamnese starten", empfahl Privatdozentin Verena Keck beim 20. Tag der Allgemeinmedizin in Heidelberg.

Dabei warb die Ethnologin der Goethe-Universität Frankfurt im Umgang mit ausländischen Patienten um Toleranz und Offenheit.

"Hüten Sie sich vor einer Stereotypisierung von Migranten", warnte Keck. Es handele sich hier um eine sehr heterogene Patientengruppe. "Es gibt ja auch nicht den Türken - manche sind Moslems, andere Christen", so Keck.

Hausärzte mit einem interkulturellen Wissen haben es ihrer Meinung nach leichter, zu Menschen ausländischer Herkunft ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und sie erfolgreich behandeln zu können.

Das Familienumfeld mit einbeziehen

Was unter einer migrationsspezifischen Anamnese genau gemeint ist, erläuterte die Ethnologin Franziska Herbst, die wie Keck dem "Medizinethnologischen Team" in Heidelberg angehört, das sich 2012 aus der Uni Heidelberg heraus gegründet hat. Auch im hektischen Praxisalltag sollten sich Hausärzte die Zeit nehmen, "eine Mini-Ethnographie" ihrer Patienten zu erstellen, rät auch sie.

Fragen wie: Was sagen Ihre Familie und Freunde zu den Beschwerden? oder: Wie benennt man die Beschwerden in ihrer Muttersprache? und: Wie beeinträchtigen Ihre Beschwerden Ihren Körper und Geist?, könnten durchaus hilfreich sein - sowohl bei der Diagnose als auch Therapie.

Ethnologin Herbst erzählt an diesem Vormittag über Lia und ihre Familie, die zur ethnisch laotischen Minderheit der Hmong gehören, derzeit aber in den USA leben. Lias Eltern weigern sich jahrelang, dem Kind, das unter epileptischen Anfällen leidet, Medikamente zu verabreichen.

Der Grund: "Die Eltern sind überzeugt, Lia habe ihre Seele verloren und Medikamente könnten nicht helfen", fasst Herbst zusammen. Konkret berichten Vater und Mutter, Lias Schwester Ley habe vor Beginn der Krankheit die Tür von Lias Zimmer zugeknallt, womit sie Lias Seele erschreckt und aus ihrem Körper verscheucht habe.

Zwischen Eltern und den behandelnden Ärzten ist keine Einigung möglich. Die behandelnden Ärzte müssen erkennen, dass die Einstellung der Eltern, die notwendige medikamentöse Behandlung des Kindes unmöglich macht. Lia kommt schließlich in eine Pflegefamilie und erhält dort ihre Medikamente.

In der Hausarztpraxis kommen solche Extreme eher selten vor. Meist ist es deutschen Hausärzten möglich, kulturelle Vorstellungen ihrer ausländischen Patienten zu akzeptieren und zu tolerieren. Das setzt jedoch voraus, dass sich Arzt und Patient miteinander verständigen können oder ein zuverlässiger Dolmetscher helfen kann.

"Wir haben gerade einen Diabetiker aus dem ex-jugoslawischen Raum in unserer Praxis, der uns wirklich Sorgen macht. Ich habe ihm jetzt schon vier Mal in langsamer Sprechweise erklärt, wie er sich sein Insulin spritzen muss. Immer sagt er: Ja, das habe ich verstanden! Hake ich nach, wird er zornig und schimpft, ich soll ihn nicht wie ein Kind behandeln", erzählt eine MFA in der Workshop-Runde. Sie fühlt sich offensichtlich überfordert.

Therapieplan als Bildergeschichte

Bei Verständigungsschwierigkeiten mit Patienten können Ärzte grundsätzlich auf kostenloses Infomaterial für Praxen zurückgreifen, das unter anderem bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestellt werden kann, raten Keck und Herbst.

Therapiepläne als Bildergeschichte, Anamnesebögen, bei denen Patienten an einer aufgezeichneten Person ihre persönlichen Schmerzpunkte ankreuzen können, oder auch in mehreren Sprachen verfasste Impfpläne des Robert Koch-Instituts werden von vielen Medizinern als hilfreich empfunden.

"Kulturelle Unterschiede sollten nicht geleugnet, aber auch nicht überbetont werden", warnen die beiden Ethnologinnen und schildern abschließend den Fall eines vierjährigen HIV-infizierten Mädchens aus Kalifornien. Die Kleine lebt bei ihrem aus Mexiko stammenden Vater.

Die Mutter ist vor Kurzem an Aids gestorben. Der Vater des Kindes hält oft Untersuchungstermine für seine Tochter nicht ein, erscheint nicht in der Klinik. Die Ärzte sehen sich schließlich gezwungen, aus Fürsorge um das Kind nachzuforschen.

"Es stellte sich heraus, dass der Vater nicht aus kulturellen, sondern aus beruflichen Gründen die Untersuchungstermine für seine Tochter verpasst. Er ist Busfahrer und muss häufig Tag- und Nachtschichten fahren", informiert Herbst. Der Mann sei außerdem gut über die HIV-Krankheit informiert gewesen, sodass man eine medizinische Vernachlässigung der Tochter habe ausschließen können.

Ihr Fazit: "Toleranz und Offenheit ist auf beiden Seiten unumgänglich - das gilt für Mediziner als auch ihre ausländischen Patienten. Die eigene Einstellung sollte dabei immer im Blick behalten werden."

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