Ärzte Zeitung, 26.09.2014
 

"Gesunden Kinzigtal"

Therapiebooster Zielvereinbarung

Bei Chronikern ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie oft die Lebensstilveränderung. Doch genau hierbei tun sich viele Patienten extrem schwer. Im "Gesunden Kinzigtal" setzt man daher auf schriftliche, individuelle Zielvereinbarungen - mit nachweisbarem Erfolg.

Von Rebekka Höhl

Therapiebooster Zielvereinbarung

Am Anfang des Zielgesprächs sollten die Wünsche des Patienten stehen - so dieErfahrung aus dem "Gesunden Kinzigtal".

© Stockbyte / Thinkstock

NEU-ISENBURG. Wer viele Chroniker in der Praxis betreut, weiß es aus erster Hand: Patienten dazu zu bewegen, ihren Lebensstil zu ändern und damit die Therapie positiv zu unterstützen, ist alles andere als leicht.

Im IV-Projekt "Gesundes Kinzigtal" hat sich jedoch gezeigt, dass Ärzte und Patienten mit einer gemeinsamen Zielvereinbarung ein wirksames Hilfsmittel an der Hand haben. Sie dürfen die Ziele nur nicht zu hoch stecken.

Insgesamt 3038 der 33.000 AOK- und LVSG-Versicherten der Region ließen die Initiatoren des "Gesunden Kinzigtals" - die Netzmanagement-Gesellschaft OptiMedis AG und das Medizinische Qualitätsnetz Ärzteinitiative Kinzigtal e.V. (MQNK) - zwischen November 2012 und Februar 2013 befragen.

Rund 23 Prozent der Befragten antworteten auch. Dabei gaben über 45 Prozent der Befragten, die Zielvereinbarungen geschlossen haben, an, seit ihrer Einschreibung im IV-Vertrag gesünder zu leben. Von den eingeschriebenen Mitgliedern, die keine Ziele vereinbart haben, waren es mit 19,7 Prozent deutlich weniger.

Ziele müssen alltagstauglich sein

Damit Ziele bei den Patienten ihre Wirkung entfalten, ist es laut Helmut Hildebrandt, Vorstand der OptiMedis AG und Geschäftsführer Gesundes Kinzigtal GmbH, wichtig, dass sie sich in das Alltagsleben der Patienten integrieren lassen und die Patienten "auch eine gewisse Lust" auf die nötige Veränderung haben. "Ärzte müssen sich erst einmal frei von der Vorstellung machen, dem Patienten Vorgaben machen zu müssen."

Denn solche Vorgaben ließen sich nur schwer mit der Lebensrealität der Patienten in Einklang bringen. Hildebrandt: "Das Verhalten der Patienten ist ja immer auch ein Resultat ihres Alltags, also etwa dem Stress in der Familie und im Beruf oder der soziologischen Schicht, der man angehört."

Im "Gesunden Kinzigtal" definiert der Patient seine Ziele daher selbst. Innerhalb des IV-Vertrages wurde den Praxen dazu ein Gesundheitsfragebogen an die Hand gegeben, den die Patienten bei der Einschreibung selbst ausfüllen.

Fragebogen als Leitfaden

Zumindest jene, bei denen ein Risiko für eine Chronifizierung besteht oder die bereits chronisch krank sind. In diesem Fragebogen halten die Patienten ihre Wünsche fest. "Der Fragebogen geht als Grundlage in das gemeinsame Gespräch zur Zielvereinbarung ein", so Hildebrandt.

Parallel mache der Arzt zwar noch einen großen Check-up - der übrigens nicht von der Krankenkasse, sondern vom "Gesunden Kinzigtal" honoriert wird. Die Werte, die hierbei herauskommen, dienen dem Arzt aber eher als Hintergrundinformation. "Der Arzt steuert und greift bei kritischen Werten ein, vorrangig für die Zielvereinbarung sind aber die Wünsche des Patienten."

Dass genau hierin das Erfolgsmodell liegt, bestätigt auch der Kinzigtaler Hausarzt Martin Volk: "Ich überlege gemeinsam mit dem Patienten, was er selbst leisten kann." Dabei wird versucht, die Ziele bewusst so klein zu machen, dass der Patient möglichst zeitnah ein Erfolgserlebnis hat.

"Das Idealgewicht eines 150 Kilo schweren Patienten kann nach dem BMI bei 68 Kilo liegen", erklärt das Vorstandsmitglied des Ärztenetzes MQNK aus Hausach. Doch das könne nicht das Anfangsziel sein, weil es für den Patienten kaum erreichbar ist. "Ich frage auch immer, was die Patienten im Alltag wirklich tun können, und was sie vielleicht früher schon an Sport gemacht haben."

Entscheidend ist laut Volk aber nicht nur, dass Ziele realistisch gesetzt werden und Arzt und Patient gemeinsam in regelmäßigen Abständen das Erreichte überprüfen. "Man muss die Ziele vor allem schriftlich festhalten."

Aber auch bei der Umsetzung der kleinsten Ziele kann zusätzliche Unterstützung sehr hilfreich sein. "Die Mehrzahl der Patienten-gesetzten Ziele haben mit Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung zu tun", berichtet Hildebrandt. Gerade für die ersten beiden Bereiche hat das "Gesunde Kinzigtal" ein Netzwerk mit Unterstützungsmaßnahmen aufgebaut.

Mit 37 Sportvereinen hat das Netz eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Es hat aber auch eigene Programme wie Walkinggruppen, Ernährungstrainings oder gemeinsames Kochen aufgelegt. Bei einigen spezifischen Erkrankungen werden zudem Schulungen - teils durch die Medizinischen Fachangestellten - angeboten.

Bewegungsprogramme

Eindrucksvoll sind etwa die Daten aus dem Osteoporose-Programm: Je nach Risikogruppe erhalten die Teilnehmer hier ein differenziertes Bewegungsprogramm bei Physiotherapeuten. Das kann auch schon einmal eine Einzeltherapie sein. Zwei Jahre lang übernimmt das "Gesunde Kinzigtal" die Kosten für das Training.

Eine Auswertung hat gezeigt, dass zwei Jahre nach Einschreibung in das Programm die Anzahl stationär versorgter Frakturen um 44,4 Prozent gesunken ist, während sich die Frakturprävalenz in der Vergleichsgruppe mehr als verdoppelt hatte.

Beobachtet wurden 438 eingeschriebene versus 438 nicht-eingeschriebene Patienten mit Osteoporose, die auch meist nicht in den Praxen des "Gesunden Kinzigtals" versorgt wurden.

"Wenn wir die Ziele mit den Patienten erarbeiten, weisen wir direkt auf die unterschiedlichen Programme hin", sagt Volk. Die Entscheidung, wie er seine Ziele im Alltag umsetze, treffe jedoch der Patient. Volk: "Das ist enorm wichtig. Denn der Patient muss sich selbst Gedanken machen, was er zur Zielerreichung beitragen kann."

Haben die Patienten erst einmal mit einem Programm angefangen, bleiben sie zumeist auch nach den zwei Jahren dabei, weiß Hildebrandt aus Erfahrung. "Sie merken, dass es ihnen etwas bringt."

Doch was machen Praxen, die nicht auf vernetzte Strukturen zurückgreifen können? Hildebrandt: "Die Veränderung in der Mitteilung an den Patienten von ‚Sie müssen das machen‘ hin zu ‚Was wünschen Sie sich?‘, kann man im Praxisalltag auch alleine schaffen."

Die Herausforderung bestehe eher darin, zu organisieren, dass die Kooperation mit dem Sportverein oder Therapeuten laufe. Hildebrandt: "Ich kann nur sagen, nutzt mehr die Kooperation in Ärztenetzen. Damit man eine regionale Instanz vor Ort hat, die sich kümmert."

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