Ärzte Zeitung, 28.09.2016

Umgang mit Patienten

"Verstehen ist Zuwendung"

Wie erhalten Ärzte Zugang zu ihren Patienten? Professor Franziska Geiser, Klinikdirektorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Bonner Uniklinik, weiß Rat.

Das Interview führte Nina Nöthling

"Verstehen ist Zuwendung"

Professor Franziska Geiser, Klinikdirektorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, an der Bonner Uniklinik.

© Katharina Wislsperger / Medienzentrum UK

Ärzte Zeitung: Wie kann ein Arzt einem aggressiven Patienten am sinnvollsten begegnen?

Professor Franziska Geiser: Wirklich aggressiv sind Patienten nur sehr selten. Meistens geht es um Ärger, der in verbal aggressiver Form ausgedrückt wird. Das Wichtigste ist, sich nicht von einem eigenen spontanen Ärgeraffekt mitreißen zu lassen, sondern sich klarzumachen: Nicht ich persönlich werde angegriffen, sondern der Patient steht in einer emotional belasteten Situation.

Der Arzt sollte im ersten Schritt zeigen, dass er verstehen möchte, was den Patienten so aufbringt. Wichtig ist dabei, dass Verstehen nicht Zustimmung bedeutet, sondern Zuwendung und Wertschätzung des Gegenübers. Dann sollte er den Patienten fragen, ob er seine Sicht der Situation hören möchte.

Eine solche "Bitte um Einladung" macht deutlich, dass das Ziel des Gesprächs nicht ein Kampf ums Rechthaben ist, sondern die gemeinsame Suche nach einer Lösung für eine schwierige Situation. Ist der Patient sehr erregt und ausfallend, kann der Arzt ihn bitten, sich an allgemeine Regeln der Höflichkeit zu halten.

Wie kann der Arzt einen schüchternen Patienten zum Reden bewegen?

Bei einem schüchternen Patienten ist es wichtig, ihn durch aktives Zuhören, also durch Blickkontakt, Nicken, Abwarten, Paraphrasieren zum Weitersprechen zu ermutigen. Sogenannte Brückenfragen können ebenfalls helfen: "Viele meiner Patienten sagen mir, dass sie in dieser Situation ... Ist das bei Ihnen auch so?"

Wie findet der Arzt am besten heraus, ob ein Patient wirklich suizidgefährdet ist?

Die Frage ist kein Tabu, und die Angst, dass das Nachfragen den Patienten "erst auf die Idee bringt" oder der Patient diese als unpassend empfindet, ist unbegründet.

Bejaht der Patient die Frage nach suizidalen Überlegungen, sollte weitergefragt werden, wie oft und wann zuletzt solche Gedanken aufkamen und wie konkret sie waren. So lassen sich gut allgemeine lebensmüde Gedanken von konkreten Suizidabsichten trennen.

Sehr hilfreich ist die Frage, was den Patienten denn davon zurückhält, die Suizidgedanken umzusetzen. Hier bekommt man einen guten Eindruck, wie stark der Patient sich an andere Menschen und ethische Haltungen gebunden fühlt und wie schwingungs- und reflektionsfähig er ist.

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