Ärzte Zeitung, 20.12.2016
 

Britische Studie

Zufriedene Patienten trotz Zehn-Minuten-Medizin

Die Länge des Arztgesprächs wirkt sich nicht unbedingt auf Zufriedenheit und Vertrauen des Patienten aus, fanden Forscher heraus.

Von Christine Starostzik und Matthias Wallenfels

Zufriedene Patienten  trotz Zehn-Minuten-Medizin

Die Art der Kommunikation ist für Ärzte im Gespräch mit Patienten wichtiger als die reine Dauer.

© Stockbyte / Thinkstock

CAMBRIDGE. Hausärzte in Großbritannien können sehr gut einschätzen, wie viel Zeit die unterschiedlichen Patienten jeweils benötigen, um mit einem guten Gefühl aus der Praxis zu gehen.

Zu dieser Einschätzung gelangen Natasha Elmore von der University of Cambridge und Kollegen (Br J Gen Pract 2016; online 1. Dezember).

Sie haben untersucht, welchen Einfluss die Konsultationsdauer auf verschiedene Aspekte der Betreuung aus der Sicht der Patienten hat. Hierzu wurden in 13 britischen Hausarztpraxen 440 Konsultationen per Video dokumentiert, um die Länge des Patientenkontakts festzuhalten, anschließend wurden die Patienten befragt.

Schätzungen zufolge widmet ein britischer Hausarzt dem einzelnen Patienten im Schnitt zwischen neun und zwölf Minuten. Kritiker halten dagegen, dass mindestens 15 Minuten nötig seien, um eine zufriedenstellende Primärversorgung zu gewährleisten.

Zum Vergleich: Im Gesundheitsmonitor 2014 der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit der Barmer GEK berichtet mehr als die Hälfte der Ende 2012 befragten Patienten in Deutschland von einer durchschnittlichen Gesprächsdauer von maximal zehn Minuten beim Hausarztbesuch.

Trotzdem bezeichneten 86 Prozent der Patienten die Dauer des Behandlungsgespräches und des gesamten Arztkontaktes als "gerade richtig".

Kürzester Aufenthalt zwei Minuten

Die meisten Teilnehmer der britischen Studie schätzten ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein. Der kürzeste Aufenthalt im Sprechzimmer lag bei zwei Minuten, der längste bei über 30 Minuten. Durchschnittlich wurde eine Konsultationsdauer von zehn Minuten und 22 Sekunden ermittelt.

Die Qualität der Kommunikation wurde mit einem Score (0–100 Punkte) erfasst. Die Befragungen ergaben, dass die Patienten insgesamt ihren Ärzten vertrauten und sehr zufrieden mit ihrer Behandlung waren – was wiederum mit den deutschen Ergebnissen korrespondiert.

Nach Einschätzung der Patienten hatte die Konsultationsdauer anders als in früheren Studien keinen Einfluss auf die Qualität der Kommunikation, das Vertrauen in den Arzt und Zuversicht oder die Gesamtzufriedenheit.

Auch die Berücksichtigung verschiedener Faktoren wie Patientenalter, -geschlecht, Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes, Ethnie oder Geschlecht des Arztes änderten an diesem Ergebnis nichts.

Qualität und Quantität im Blick

Manche Patienten berichteten über gute Erfahrungen, obwohl ihr Aufenthalt im Sprechzimmer nur sehr kurz war. Solche Stippvisiten sind möglich, wenn der Arzt den Patienten etwa seit langem kennt, nur eine Impfung oder eine Folgebehandlung fällig sind. Offenbar unterscheiden Patienten insgesamt sehr genau zwischen Qualität und Quantität.

Allerdings könnten zur Gewährleistung klinischer Erfolge sowie im Sinne der Patientensicherheit, so Elmore und Kollegen, zuweilen natürlich auch längere Behandlungszeiten erforderlich sein, gerade bei Patienten mit komplexen Erkrankungen.

In künftigen Studien, so die Autoren, sollten nun die Vorteile ausgedehnter Konsultationen, insbesondere bei chronisch kranken oder multimorbiden Patienten genauer untersucht werden.

Ein wesentlicher Kritikpunkt im Gesundheitsmonitor 2014 betraf die ärztliche Gesprächsführung. Eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation sei "nicht selbstverständlich", hieß es. Eine Ursache für den Missstand verorteten die Studienautoren in "einer Ausbildungsstruktur, die in hierarchischen Strukturen nach wie vor eher input- als dialogorientiert ist".

Das soll sich nun offensichtlich ändern. Wie berichtet, sieht der neunseitige Entwurf des Masterplans Medizinstudium 2020, der der "Ärzte Zeitung vorliegt", vor, dass Medizinstudenten künftig kommunikative Kompetenzen bereits in der ärztlichen Ausbildung erwerben sollen.

[21.12.2016, 11:28:38]
Thomas Georg Schätzler 
Nur zum Nachdenken und Nachrechnen!
Die EBM-Ziffer in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist als ein mit GOP 03230 definiertes "Problemorientiertes ärztliches Gespräch, das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist" bezeichnet: Obligater Leistungsinhalt Gespräch von mindestens 10 Minuten Dauer, mit einem Patienten und/oder einer Bezugsperson. Die GOP 03230 ist derzeit offiziell mit 90 Pkt. und 9,37 Euro bewertet.
http://www.kbv.de/tools/ebm/html/03230_2903315199512037757920.html
Kleiner "Pferdefuß": Sie ist budgetiert und kann nur bei 50 Prozent aller Behandlungsfälle abgerechnet werden.

In 60 Minuten können wegen notwendigem Wechsel-, Rüst- und Dokumentations-Aufwand maximal 5 Konsultationen abgerechnet werden, was einen Praxis-Stunden-Umsatz von 46,85 Euro bedeutet, der sich unter ungünstiger Budgetierung auch noch auf 23,43 Euro reduzieren kann.

Das Durchschnittseinkommen der britischen (GB) Hausärzte/-innen im Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) betrug in englischen Pfund £ 110.000,00 in 2005/6.
Im Rechnungsjahr 2013/14 erhielten diese £ 99.800.00 pro Jahr ["£110,000 in 2005/6...New figures from the Health and Social Care Information Centre show that in 2013/14, family doctors were paid £99,800"].
http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/11856441/Average-GP-pay-dips-below-100000-for-first-time-in-a-decade.html

Das sind umgerechnet 130.869,75 Euro in 2005/6 bzw. 118.734,56 Euro in 2013/14. In krassem Gegensatz zu freiberuflich niedergelassenen Haus- und Vertragsärzten in Deutschland werden zusätzlich in GB die kompletten Kranken- und Rentenversicherungskosten übernommen, da alle NHS-Ärzte Staatsangestellte sind. Als Gehaltsnebenkosten würden diese mit zusätzlich etwa 25.000,00 bis 30.000,00 Euro (etwa £ 21.000 bis £ 25.248,00) zu Buche schlagen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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