Ärzte Zeitung, 25.01.2017
 

Digitalisierung

E-Patientenakte stärkt die Compliance

Elektronische Patientenakten, auf die der Patient zugreifen kann, sind höchst umstritten. Zu Unrecht, wie nun eine Studie des Uniklinikums Heidelberg nahelegt. Denn Patientenzufriedenheit und vor allem die Compliance werden durch das Fünkchen mehr an Wissen deutlich gestärkt.

Von Rebekka Höhl

E-Patientenakte stärkt die Compliance

Als Experte für ihre Befindlichkeiten können Patienten wichtige Zusatzinfos in ihrer E-Patientenakte hinterlegen.

© Rawpixel.com / Fotolia.com

NEU-ISENBURG. Patient Empowerment ist derzeit ein mindestens genauso beliebtes Schlagwort im Gesundheitswesen wie die Digitalisierung. In der Metropolregion Rhein-Neckar läuft gerade ein Projekt, das beide Ansätze verbindet: Unter Beteiligung des Universitätsklinikums Heidelberg und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen soll eine persönliche, einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte (PEPA) entstehen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Eine Datencloud für jeden Patienten

Neu fürs Gesundheitswesen ist, dass jeder Patient zum Administrator einer Datencloud gemacht werden soll, die alle krankheitsbezogenen Daten des Patienten enthält. Das Projekt verfolgt zwei Ziele: Die Behandlungskontinuität bei Patienten mit kolorektalem Karzinom soll verbessert und gleichzeitig die Patientenautonomie gestärkt werden. Dabei springen die Initiatoren nicht ins kalte Wasser.

Um die ethischen Herausforderungen bei der Umsetzung in Praxis- und Klinikalltag besser einschätzen zu können, haben sie vorab 51 internationale Studien zur elektronischen Patientenakte (ePA) und ihrem Einfluss auf das Arzt-Patienten-Verhältnis gescreent (Felicitas Eckrich, Ines Baudendistel, Dominik Ose, Eva C. Winkler; Ethik in der Medizin, 2016; 28: 295 - 310) – mit eindeutigen Ergebnissen. Anstatt, wie von ePA-Gegnern oft ins Feld geführt, das Vertrauensverhältnis zu stören, verbessert sich dieses sogar.

Das habe sich etwa in Untersuchungen von Kazley et al. gezeigt, in denen die gesammelten ePA-Daten aus der American Association mit zehn Messparametern zur Patientenzufriedenheit verglichen worden seien. Der Grund: Durch die E-Patientenakte und die damit vorliegenden Daten war es den Ärzten möglich, sich mehr auf die Bedürfnisse der Patienten zu konzentrieren. Das habe wiederum zu einer höheren Patientenzufriedenheit geführt, so die Studienautoren.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung mit 394 Kopfschmerzpatienten aus dem Jahr 2009 (Freeman et al.). Hier waren die Patienten mit der elektronischen Akte insgesamt zufrieden, weil die Informationen für die Ärzte leicht zugänglich waren und sie deswegen die Effektivität der Betreuung in der ärztlichen Praxis höher einschätzten. Allerdings handelte es sich bei den beiden genannten Studien noch um Akten ohne aktive Beteiligung der Patienten.

Überfordert? – Ganz im Gegenteil!

Die Autoren haben daher noch eine Studie aus dem Jahr 2012 (Delbanco, Vogel and Walker) ausgewertet, die im Rahmen des "Open Notes"-Projekts Patienten neben der Einsicht tatsächlich auch die Möglichkeit gab, Kommentare in die E-Patientenakte einzufügen. 105 Ärzte an drei Kliniken und 13.564 Patienten beteiligten sich.

Verängstigt durch die Konfrontation mit den medizinischen Daten und Eintragungen der Ärzte oder überfordert fühlten sich demnach lediglich ein bis acht Prozent der Befragten. Der überwiegende Teil der Patienten fühlte sich hingegen besser informiert (77 bis 87 Prozent). 60 bis 78 Prozent dieser Patienten wiesen zudem eine größere Therapietreue auf.

Insgesamt belegten die 51 ausgewerteten Studien, dass der Behandlungsablauf durch die elektronische Patientenakte – mit Einsichtsrecht oder sogar aktiver Beteiligung der Patienten – verbessert und die Behandlungsqualität optimiert werden konnte. Denn auch Fehler in der Dokumentation wurden durch die Partizipation der Patienten schneller entdeckt und rechtzeitig vor einem Behandlungsfehler behoben.

Dadurch, dass die Abläufe in der Behandlung für den Patienten transparenter wurden, konnte die ePA auch in der Mehrzahl der Studien das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient stärken.

Vernetzung bringt mehr Qualität

Eckrich und ihre Kollegen schließen daraus, dass mit der persönlichen E-Patientenakte – also mit PEPA – ein noch vielschichtigerer Informationsaustausch zwischen Arzt und Patient möglich wird. Der Patient könne den Arzt in seiner Datencloud nicht nur ganz gezielt auf Einträge anderer Ärzte hinweisen. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass er "aufgrund seiner Erfahrung, seines Verständnisses und seiner persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Krankheit auf besondere therapeutische Aspekte verweisen kann", schreiben die Studienautoren. "Diese Möglichkeit der Vernetzung kann somit zu einer neuen Qualität der Behandlung führen."

Wer im Patientengespräch die E-Patientenakte im Blick hat, sollte übrigens darauf achten, dass der PC-Bildschirm nicht direkt zwischen ihm und dem Patienten steht. Das legt eine qualitative Studie (mit 30 untersuchten Patientengesprächen) nahe, die Eckrich und ihre Kollegen analysiert haben. Demnach wurde eine für die Kommunikation offene Atmosphäre geschaffen, wenn der Arzt schräg neben dem PC und dem Patienten gegenüber saß. Der Blickkontakt dürfe dabei nicht durch den Bildschirm verdeckt werden.

Vor- und Nachteile der E-Patientenakte

Verbesserungen durch eine ePA mit Patientenbeteiligung

Besseres Verständnis des Patienten für seine Erkrankung und die Therapie (partizipative Therapieentscheidung)

Erhöhte Compliance und Gedächtnisstütze für den Patienten

Der Patient ist besser vorbereitet auf den Arztbesuch, der Besuch wird damit effektiver

Stärkung des Vertrauens und der Wertschätzung

Nachteile bei einer ePA mit Patientenbeteiligung

Druck für Patienten ihre Akte zu lesen (Recht auf Nichtwissen ist gefährdet)

Verwirrung oder Missverständnisse bezüglich medizinischer Fachbegriffe

Bedenken bezüglich des Datenschutzes: Patienten fühlen sich angegriffen durch Beurteilung in Arztbriefen

Unerwünschte Veränderung beim Dokumentationsstil des Arztes

Quelle: Eckrich, F., Baudendistel, I., Ose, D. et al.; Einfluss einer elektronischen Patientenakte (EPA) auf das Arzt-Patienten-Verhältnis; Ethik Med; 2016; 28:295-310

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »