Ärzte Zeitung online, 12.05.2017
 

Arzt & Patient

Mit den richtigen Mitteln gegen die Aufklärungsamnesie

Die Studie der Uni Bielefeld zur Gesundheitskompetenz der Deutschen hat Anfang des Jahres Furore gemacht. Beim Internistenkongress gab es konkrete Tipps für Ärzte, wie eine gute Kommunikation die Kompetenz der Patienten fördern kann.

Von Hauke Gerlof

Mit den richtigen Mitteln gegen die Aufklärungsamnesie

Augenkontakt ist im Gespräch wichtig. Dann können Patienten besser folgen, und Ärzte bemerken eher, wenn es Probleme gibt.

© Alexander Raths / fotolia.com

MANNHEIM. Ärzte müssen bei Aufklärungsgesprächen, bei Therapie-Erläuterungen oder auch bei Erklärungen zum Krankheitsverlauf immer damit rechnen, dass die Patienten mindestens einen Teil ihrer Ausführungen nicht verstehen. Die Dimension des Problems zeigte sich bei den Ergebnissen der repräsentativen Befragung von 2000 Deutschen durch die Arbeitsgruppe um Professor Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld: Demnach haben 54,3 Prozent der Deutschen nur eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz (wir berichteten). Bei Patienten ab 65 Jahren steigt dieser Wert sogar auf 66 Prozent. Ähnlich schlecht sind die Ergebnisse bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau (62 Prozent), mit Migrationshintergrund (71 Prozent) und mit geringem Sozialstatus (78 Prozent).

Deutschland nur auf Platz 5

Im Vergleich von acht europäischen Ländern anhand von WHO-Zahlen stehe Deutschland in Sachen Gesundheitskompetenz auf Platz 5 und liege damit hinter Griechenland, Polen, Irland und den Niederlanden, berichtete Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler von der Patientenprojekte GmbH beim Internistenkongress in Mannheim. Besonders schwierig sei es für Patienten, wenn sie in der Praxis im Stress sind, etwa weil sie Angst haben oder unter Schmerzen leiden, so Schmidt-Kaehler auf einem von Berlin-Chemie unterstützten Symposium.

Aufklärungsamnesie bei Patienten

Ärze stünden immer vor dem Dilemma der Aufklärungspflicht und der begrenzten Aufnahmekapazität der Patienten. Viele Patienten litten regelrecht unter einer "Aufklärungsamnesie". Untersuchungen hätten gezeigt, dass jeder dritte Patient 30 Minuten nach dem Gespräch "alle Risiken einer Behandlung vergessen hatte, über die er aufgeklärt worden war. Aber sie waren überwiegend mit der Aufklärung zufrieden", so der Kommunikationsexperte. Die Folgen einer verringerten Gesundheitskompetenz seien einleuchtend: ein schlechterer Umgang mit chronischen Krankheiten, eine geringere Adhärenz und vorzeitige Sterbefälle.

Die gute Nachricht sei, dass es "wirksame Interventionsmethoden und Gesprächsführungstechniken gibt, um die Gesundheitskompetenz zu steigern" und so doch noch mündige Patienten zu haben, führte Schmidt- Kaehler weiter aus. Eine solche professionell gestaltete Kommunikation müsse nicht einmal länger dauern, "sie kann sogar zu einer höheren Effizienz beitragen", betonte er. Bei geringer Gesundheitskompetenz helfen folgende Methoden:

» Teach-back: Das "Zurück-Erklären" hilft festzustellen, wie gut die Botschaft beim Patienten angekommen ist. Wichtig sei dabei, dass die Patienten sich nicht getestet fühlen. Das könne zum Beispiel durch Fragen wie "Welche Aspekte waren Ihnen besonders wichtig?" erreicht werden. Wichtig sei auch, den Umgang mit Geräten zu überprüfen, angestoßen zum Beispiel durch Sätze wie "Könnten Sie mir noch einmal vorführen, wie Sie das Inhaliergerät benutzen? So kann ich sicher sein, dass ich die Anwendung richtig erklärt habe."

» Chunk and Check: "Versuchen Sie nicht zu viele Informationen auf einmal ,an den Mann‘ zu bringen, sondern lieber häppchenweise – und kontrollieren Sie dann, ob der Patient verstanden hat", erläuterte der Experte.

» Ask me 3: Um eine aktive Rolle in der Therapie einnehmen zu können, müssen Patienten drei Fragen stellen: Was ist mein Hauptproblem? Was muss ich tun? Warum ist es wichtig für mich, das zu tun? Dazu könnten Patienten ermutigt werden.

» Gesprächsführung: Sehr wichtig ist auch die Gesprächsführung – Augenkontakt, langsam sprechen, Wichtiges wiederholen, Alltagssprache nutzen!

» Digitale Medien: Sehr hilfreich kann es auch sein, digitale Medien zu verwenden. Erklärvideos sind zum Beispiel eine gute Chance, Menschen Sachverhalte verständlich zu erläutern und stärken so die Gesundheitskompetenz", betonte Schmidt-Kaehler. Eine Option, um Patienten in diesem Prozess zu helfen, sei die Nutzung des produktneutral gestalteten Online-Portals Therakey®, das Berlin-Chemie eingerichtet hat, berichtete Pneumologe Dr. Justus de Zeeuw in Mannheim. Er habe dank der Vorinformationen des Patienten "genügend Zeit für die relevanten Fragen meiner Patienten", so de Zeeuw.

Alarmzeichen für Verstehensprobleme

7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht mit Texten umgehen. Patienten ist es aber oft unangenehm zuzugeben, dass sie Probleme bei der Erfassung haben. Alarmzeichen können Sätze sein wie:

- Ich lese mir das dann später durch."

- Ich habe leider meine Brille vergessen."

- Meine Frau füllt den Bogen dann aus."

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