Ärzte Zeitung online, 25.10.2017
 

Therapiesicherheit

Dem Chefarzt auch widersprechen können

Beschäftigte in Kliniken und Praxen sollten Unsicherheiten und Bedenken bei den Behandlungen offen ansprechen. Eine solche "Speak-up"-Kultur sei nötig, meinen die Experten des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

Von Susanne Werner

Einmischung kann helfen, die Sicherheit der Therapie zu erhöhen

Schweigen ist nicht immer Gold: Patientenschützer wollen mehr kollegiales Einmischen.

© Minerva Studio / Getty Images / iStock

BERLIN. "Speak up" bedeutet ins Deutsche übertragen so viel wie "frei von der Leber weg reden". Genau das sollten sich die Professionellen im Gesundheitswesen künftig häufiger trauen. Das empfehlen jedenfalls die Experten des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS). Aus ihrer Sicht kann eine Kommunikationskultur, in denen der Einzelne kein Blatt vor den Mut nimmt und auf Gefahren und Unsicherheiten hinweist, oft auch Leben retten.

Rund 7400 Behandlungsfälle haben die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer 2016 geprüft. 2245 davon erwiesen sich als Behandlungsfehler, die den Patienten meistens auch gesundheitlichen Schaden zufügten.

Statistisch gesehen, mag die Zahl gering erscheinen. Gemessen an den knapp 700 Millionen ambulanten und 19,8 Millionen stationären Behandlungen pro Jahr liegt der Anteil der Behandlungsfehler im Promillebereich.

Risiko schlechte Kommunikation

Das "Speak-up"-Modell

» Der Begriff meint das professionelle Einmischen am Arbeitsplatz.

» Eine offene Fehlerkultur soll im Gesundheitswesen helfen, Behandlungsfehlern vorzubeugen, und die Patientensicherheit erhöhen.

» Konkret kann im Sinne von "Speak up! zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen – laut dem Aktionsbündnis Patientensicherheit – alles angesprochen werden, was die Sicherheit des Patienten gefährden könnte, zum Beispiel Handhygiene während der Patientenvisite, Abgleich Patientendaten und Klebeetiketten auf dem Weg zum OP oder auffällige Verordnungen bei einem Patienten.

Hinter jedem Einzelfall aber steht ein menschliches Schicksal, ein Leben, das zuweilen unbedacht gefährdet, mitunter gar aufs Spiel gesetzt wird. Auch Dr. Annegret F. Hannawa, Professorin von der Universität Lugano, verweist auf Statistiken.

Nach weltweiten Daten sind sieben bis 23 Millionen Schadensfälle auf eine schlechte Kommunikation in Praxen und Kliniken zurückzuführen. "Alle zwei bis sechs Sekunden erfährt ein Patient einen vermeidbaren Schaden, der durch unsichere Kommunikation ausgelöst wurde", sagt die Kommunikationsspezialistin aus der Schweiz.

Mit einer "Speak-up"-Kultur ließe sich die Gefahr von Fehlbehandlungen deutlich mindern, sagt APS-Geschäftsführer Hardy Müller. Denn wenn alle Beteiligten mitdenken, wachsam für Unsicherheiten sind, auf Gefahren hinweisen, könnten Risiken aus dem Wege geräumt werden, noch bevor sie den Patienten schädigen.

Das professionelle Einmischen nach "Speak-up"-Modell zielt nicht darauf ab, Verstöße zu melden oder Beinahe-Fehler zu dokumentieren. Vielmehr geht es darum, im beruflichen Alltag aufkommende Zweifel, ob der Patient sicher versorgt ist, wahrzunehmen, auszusprechen und sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen.

Hierarchieloses Einmischen

Das kann dann auch heißen, den Kollegen – selbst wenn es der Chefarzt ist – daran zu erinnern, seine Hände vor der Patientenvisite zu desinfizieren. Oder im Operationssaal darauf zu bestehen, Patientendaten und Klebeetiketten nochmals abzugleichen. Oder seine Bedenken anzumelden, wenn einem die telefonische Verordnung des Arztes merkwürdig vorkommt.

Immer geht es darum, dass Unsicherheiten und Gefährdungen des Patienten wahrgenommen, die eigenen Bedenken geäußert und gemeinsam Veränderungen vorgenommen werden.

An einer solchen Kommunikationskultur mangelt es offenbar immer noch vielerorts im Gesundheitswesen. So nehmen laut US-amerikanischen Studien Ärzte und Pflegende durchaus Fehler, Regelverletzungen und inkompetentes Verhalten in ihren Teams wahr. Nur eine von zehn Personen aber spricht dies offen den Kollegen gegenüber an.

Befragung unter Pflegekräften

Eine Befragung unter Pflegekräften ergab, dass nur jede dritte Pflegekraft im OP-Bereich das Gefühl hat, die eigenen Bedenken ausreichend ausdrücken zu können. Damit "Speak up" in Kliniken und Praxen im Alltag gelebt werden kann, braucht es einen entsprechenden Rahmen, betont Müller: "Es geht darum, dass alle Beschäftigten quer zu den Hierarchien und über Berufsgruppen hinweg eine ,Speak-up‘-Kultur pflegen.

Die Aufgabe darf nicht an eine Stelle wie etwa das Qualitätsmanagement delegiert werden. Jeder Mitarbeiter muss wissen, dass es gut ist, wenn er seine Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des Patienten meldet."

Lesen Sie dazu auch das Interview:
Arzthaftung : "Ärzte dürfen sich entschuldigen"

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