Ärzte Zeitung, 23.05.2008

Russische Wirkstoffe für den Westen

Metriopharm will entwickelte und geprüfte Arzneimittel aus Russland an Pharmaunternehmen vermitteln

BERLIN (gvg). Das Schweizer Unternehmen Metriopharm möchte innovative Arzneimittel, die in Russland bereits auf dem Markt sind, auch für den westlichen Pharmamarkt verfügbar machen. Ein erstes Produkt könnte bei der Therapie von Sepsis-Patienten helfen.

Hintergrund der Aktivitäten von Metriopharm ist, dass es in Russland eine ganze Reihe von pharmazeutischen Substanzen gibt, die zu Sowjetzeiten und auch noch später intensiv beforscht und teilweise bis zur klinischen Zulassung getrieben wurden. Sie wurden aber nie im Westen bekannt, unter anderem weil die Wissenschaftler mit westlichen Publikationsprozeduren nicht vertraut waren.

Metriopharm hat nun eine ganze Reihe solcher Substanzen einlizenziert, um sie für Europa und für die USA verfügbar zu machen. "Dazu müssen wir das gesamte präklinische Zulassungsverfahren wiederholen, um den westlichen Standards zu genügen", sagte Metriopharm-Geschäftsführer Ekkehard Brysch in Berlin. Genau das geht das Unternehmen jetzt für eine Reihe von Substanzen an. Mittelfristig sollen die Wirkstoffe dann in Entwicklungsgesellschaften übertragen und an pharmazeutische Unternehmen auslizenziert werden.

Lizenznehmer erhalten fast marktreife Produkte.

"Wir wollen nicht selbst als Pharmaunternehmen am Markt auftreten", so Brysch. Ziel sei es vielmehr, die unerkannten Innovationen zu erschließen und dabei die russischen Wissenschaftler, die die Substanz entdeckt oder entwickelt haben, durch Beteiligungsmodelle an den potenziellen Erlösen teilhaben zu lassen. Vorteil für die Pharmaunternehmen sei vor allem, dass sie neue Substanzen für ihre Pipeline erwerben können, bei denen bereits klinische Erfahrung besteht und zu denen russische Sicherheitsdaten vorliegen. "Das reduziert das Entwicklungsrisiko", so Brysch.

Eine erste Substanz, bei der in den nächsten Monaten die präklinischen Untersuchungen nach westlichen Standards beginnen sollen, trägt den Namen MP1021. Es handelt sich um eine Substanz, die bei Infektionen oder chronischen Entzündungen die Aktivität der Makrophagen normalisiert. Dabei werden nicht einzelne Interleukine herunterreguliert. Vielmehr wird die gesamte sekretorische Aktivität der Zellen gebremst, was unter anderem die Produktion von TNF-alpha, Interleukin 1 und Interleukin 6 verringert, ohne sie komplett zum Stillstand zu bringen.

"Klinische Studien in Russland haben gezeigt, dass durch einmal tägliche Einnahme der Substanz in Ergänzung zur antibiotischen Therapie die durchschnittliche Heilungszeit von Patienten mit Abszessen von 18 auf sieben Tage verringert werden kann", sagte Dr. Wolfgang Brysch, Präsident des Verwaltungsrats von Metriopharm. Andere Indikationen, bei denen MP1021 in Russland eingesetzt wird, sind virale und bakterielle Entzündungen sowie septische Zustände. Insgesamt seien in Russland über 10 000 Patienten mit unterschiedlichen Indikationen zum Teil über mehrere Monate mit MP1021 therapiert worden, so Brysch.

Der Leiter der Repräsentanz der Russischen Handelskammer in Deutschland, Dr. Sergej Nikitin, begrüßte den Ansatz: Er sei eine Chance, dass die biomedizinischen Forschungsaktivitäten russischer Wissenschaftler auch international Anerkennung fänden.

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