Ärzte Zeitung online, 01.12.2008

Die Patientendaten müssen da sein, wo die Patienten sind - nicht umgekehrt

Düsseldorf. "Stand- alone"- Softwarelösungen für Kliniken auf der einen und niedergelassene Ärzte auf der anderen Seite haben ausgedient. In Zukunft ist Vernetzung gefragt. Das ist die Ansicht von Gary Cohen, dem Vorstandschefs der australischen IBA Health Gruppe, dem weltweit viertgrößten Anbieter von IT-Lösungen im Gesundheitswesen. In Deutschland ist das Unternehmen unter dem Namen iSoft bekannt.

Ärzte Zeitung: Herr Cohen, bis vor kurzem gab es bei Softwarelösungen eine strikte Trennung zwischen Arztpraxen auf der einen und Kliniken auf der anderen Seite. Mittlerweile geht der Trend hin zur Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung. Sind diese Trends weltweit zu beobachten?

Gary Cohen: Es sind keine typisch deutschen Phänomene. Überall in der Welt werden die Menschen mobiler. Die Patienten gehen nicht nur zu dem Arzt in ihrem Dorf oder in ihrer Stadt. Dazu kommt, dass sich die Einstellung der Menschen zur medizinischen Versorgung weltweit ändert. Patienten sind heute Kunden. Jeder hat größere Wahlmöglichkeiten, und damit steigen auch die Erwartungshaltung und die Anforderungen bezüglich der Qualitätsstandards im Gesundheitswesen.

Ärzte Zeitung: Wie reagieren Sie als Health-IT-Anbieter auf diese Entwicklung?

Cohen: Heute braucht niemand mehr eine "Stand-alone"-Lösung. Die Patientendaten müssen dort sein, wo der Patient ist. Das Gesundheitssystem muss endlich im 21. Jahrhundert ankommen: Da, wo wir mit dem Telefonieren schon längst sind. Wenn ich heute mit meinem Handy auf Reisen gehe, bin ich überall erreichbar. Ich brauche mir keine Gedanken darüber zu machen, welcher Service Provider gerade für mich zuständig ist. iSoft will dieses "Global Roaming" für das Gesundheitswesen einführen.

Ärzte Zeitung: Im Klinik-IT-Bereich haben Sie starke Konkurrenten. Was unterscheidet iSoft von seinen Konkurrenten?

Cohen: Das Gleichgewicht hat sich verlagert. Wir wollen nicht mehr die Software innerhalb der vier Wände einer Klinik liefern, sondern wir wollen Kliniken und niedergelassene Ärzte miteinander verbinden, Klinik- und Praxissoftware vernetzen.

Für uns steht der mobile Patient im Mittelpunkt unserer Überlegungen. Ich glaube, das unterscheidet uns am meisten von unseren Konkurrenten. Viele Anbieter haben es verschlafen, über vernetzte Lösungen nachzudenken. Ihr Fokus liegt nach wie vor darauf, eine Lösung an einem bestimmten Platz anzubieten.

Ärzte Zeitung: Vor einem Jahr hat IBA-Health Group den Zweikampf gegen CompuGROUP im Bieterwettstreit um iSoft gewonnen und 245 Millionen Euro bezahlt. Hat sich der Coup gelohnt oder haben Sie zu teuer gezahlt?

Cohen: Das Investment hat sich für uns mehr als gelohnt. Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht zu viel gezahlt haben. Mittlerweile zahlen wir hohe Dividenden an unsere Aktionäre. Durch iSoft und vor allem durch die Software Lorenzo sind wir zu einem einzigartigen globalen Player geworden. Wir haben in Europa und weltweit die Kräfte gebündelt und in den vergangenen Monaten eine gemeinsame schlagkräftige Organisation geschaffen.

Ärzte Zeitung: Sie wollen Nummer 1 im weltweiten E-Health-Markt werden. Wie ist ihre Strategie? Welche Rolle spielt der europäische Markt für Sie?

Cohen: Wer Nummer 1 werden will, muss eine Lösung anbieten können, die ihn zur Nummer eins machen kann. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit Lorenzo diese Lösung gefunden haben. Den Europäischen Markt sehen wir in den nächsten zwei bis drei Jahren als unseren großen Wachstumsmarkt an. Schon heute machen wir hier 80 Prozent unseres Umsatzes.

Ärzte Zeitung: Von Ihrer "Geheimwaffe Lorenzo" ist bisher in Deutschland außerhalb des großen Klinikums in Aachen noch nicht viel zu sehen. Wann wird sich das ändern?

Cohen: In den nächsten zwölf Monaten werden einige Lorenzo Versionen auf den Markt kommen. Jede der verschiedenen Versionen dieser Software - die Klinikversion oder die Version für Niedergelassene Ärzte - ist modular, wie ein System von Legosteinen. Jeder Nutzer kann sich so sein ganz eigenes Health-Care-System zusammenzustellen.

Ärzte Zeitung: Kliniken und niedergelassene Ärzte haben viel Geld in IT investiert. Sollen sie ihre alte Software wegwerfen und neu anfangen?

Cohen: Mit unserem System müssen sie es nicht. Sie können ihre gewohnte Software weiter benutzen und einfach neue Anwendungen dazufügen. Über Portallösungen verbinden wir Systeme miteinander, die ursprünglich nicht zu diesem Zweck entwickelt wurden. Einmal erfasste Informationen müssen an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt der Behandlung verfügbar sein. Lorenzo ist ein Produkt unserer Zeit. Wir sind heute alle miteinander vernetzt. Dieser Zeitgeist muss auch in die Praxen und Krankenhäuser einziehen.

Ärzte Zeitung: Wir stecken mitten in einer weltweiten Finanzkrise. Wie wirkt sich diese Krise auf iSoft aus? Merken Sie eine Zurückhaltung bei den Kunden? Spüren Sei etwas von der Finanzklemme der öffentlichen Kliniken?

Cohen: Wir haben das Glück, dass 90 Prozent unserer Kunden aus dem öffentlichen Sektor kommen, darunter 60 Prozent aller Kliniken in Großbritannien. Mit allen haben wir langfristige Verträge abgeschlossen. Das heißt für uns: 80 Prozent unserer Jahreseinkünfte sind schon festgezurrt. Dazu kommt, dass wir ständig große Kunden gewinnen. Von Juli bis Oktober dieses Jahres haben wir für 50 Millionen US-Dollar neue Aufträge bekommen.

Das Gespräch führte Antonia von Alten auf der Medica in Düsseldorf

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