Ärzte Zeitung, 16.12.2010

"Scheichs und Oligarchen zahlen keine Sonderpreise"

Die Zahl der Medizintouristen steigt. Darauf reagieren auch Luxushotels wie das Intercontinental in Düsseldorf.

"Scheichs und Oligarchen zahlen keine Sonderpreise"

Plastische Chirurgie - eines der Angebote für Medizintouristen. Inzwischen bieten Luxus-Hotels ihren Gästen entsprechende Infos.

© Emil Umdorf / imago

DÜSSELDORF (kab). Wer als wohlhabender Ausländer einen Urlaub in Düsseldorf verbringt, hat Luxus-Shopping und Rhein-Romantik im Sinn, immer häufiger aber auch Fettabsaugung oder Zahnimplantate. Das Hotel Intercontinental an der Königsallee hat auf diese Entwicklung reagiert und ein Medical Advisory Board mit ausgewählten medizinischen Spezialisten eingerichtet.

Dr. Christoph Reis, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie, arbeitet schon seit einiger Zeit mit dem Luxus-Hotel zusammen. So erschien sein Name in Broschüren zu medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, die das Hotel für seine arabisch-sprachigen Gäste bereithielt.

"Dann kam die Idee, das Ganze zu professionalisieren und zu formalisieren", so Reis im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Anfang des Jahres ging das Medical Advisory Board an den Start. Zurzeit besteht es aus neun Mitgliedern - niedergelassenen Ärzten, Chefärzten an Kliniken sowie medizinische Einrichtungen. Vertreten sind plastische Chirurgie und Zahnmedizin genauso wie Orthopädie, Gynäkologie oder Reproduktionsmedizin.

Die Idee ist, dass sich die ausländischen Patienten mit ihren Behandlungswünschen an das Hotel wenden und dieses über das Netzwerk des Boards geeignete Ärzte auswählt, Termine vereinbart und die Behandlung koordiniert. Für die Gäste soll es so möglichst einfach und bequem sein, medizinische Untersuchungen in Düsseldorf vornehmen zu lassen.

Dabei sollen sie samt mitreisender Entourage auf den gewohnten Luxus bei der Unterbringung nicht verzichten müssen. In einer neu eingerichteten Suite im Hotel können sogar kleinere Eingriffe wie Faltenunterspritzungen vorgenommen werden. Auch ein Behandlungsstuhl der Zahmediziner steht hier in einem eigenen Raum.

Viele Medizintouristen informieren sich bei einem ersten Besuch über den möglichen Eingriff und kommen dann ein zweites Mal nach Düsseldorf, um sich behandeln oder operieren zu lassen. Bei akuten Erkrankungen geht es natürlich auch ohne lange Vorbereitungen. "Wir haben die Logistik, um das alles schnell zu organisieren", berichtet der Chirurg.

Für die Ärzte hat die Vermittlung von Anfragen durch das Medical Adivsory Board ebenfalls Vorteile, meint Reis: "So können wir das Wirken von kostentreibenden Zwischenhändlern eindämmen." Gerade im russisch-sprachigen Bereich gebe es davon jede Menge.

Sie versprechen Ärzten, ihnen neue Patienten zu verschaffen, natürlich gegen Zahlung von Provisionen. Darauf möchte sich Reis nicht einlassen. Nicht zuletzt, weil er die höheren Kosten durch die Provisionszahlungen nicht auf die Patienten abwälzen will.

Auch Scheichs oder Oligarchen zahlten bei ihm keine Sonderpreise, betont er. "Das läuft alles nach GOÄ." Reis leitet die Privatklinik Dr. Etscheit, die sich selbst als älteste Schönheitsklinik Deutschlands bezeichnet. Bislang sind ausländische Patienten bei ihm eine kleine Minderheit, doch ihr Anteil soll wachsen.

Verständigungsprobleme gibt es nicht, entweder spricht man englisch miteinander, oder die betuchten Patienten haben ihre eigenen Dolmetscher dabei. Vorbereitet hat sich Reis besonders auf den Umgang mit Frauen aus dem arabischen Raum.

Muslimische Patientinnen sollte er möglichst nicht direkt ansprechen oder anschauen, sondern mit ihren Begleitern reden, weiß er jetzt. Das war für den Arzt am Anfang gewöhnungsbedürftig. "Hier in Deutschland ist es ja wichtig, den Patienten auch anzugucken beim Gespräch."

Das Medical Advisory Board steckt noch in der Anfangsphase, es gibt aber bereits Anfragen von Ärzten weiterer Fachrichtungen. Für das Ärzteteam gilt ein eigener Kodex, beispielsweise mit Vorgaben zu ethischen Prinzipien bei der Patientenbetreuung.

Geprüft werden Kandidaten von einem kleinen internen Gremium, bestehend aus Reis, dem Orthopäden Dr. Achim Pajonk und Dr. Konstantin Zarras, Chefarzt der chirurgischen Klinik am Düsseldorfer St. Vinzenz-Krankenhaus. "So bringt das Projekt auch eine gute interdisziplinäre Vernetzung", meint Reis.

[16.12.2010, 21:45:11]
Dr. Elisabeth Rowe 
Provisionen
"Sie versprechen Ärzten, ihnen neue Patienten zu verschaffen, natürlich gegen Zahlung von Provisionen. Darauf möchte sich Reis nicht einlassen. Nicht zuletzt, weil er die höheren Kosten durch die Provisionszahlungen nicht auf die Patienten abwälzen will."
Die Motivation für die Nichtannahme von Provisionen durch Herrn Dr. Reis wird hier aus Sicht und Interessenlage der Patienten dargestellt und mit "möchte" sehr weich formuliert. Es sollte jedoch deutlich darauf hingewiesen werden, dass es Ärzten untersagt ist, Provisionen anzunehmen.
Mitunter werden Ärzten Geschäftsmodelle angeboten, in denen der Arzt dem Dolmetscher für seine Übersetzungsdienste Prozente der Arztrechnung zahlt. Auch davor ist zu warnen. Die Haftung für die korrekte Übersetzung liegt dann, anders als wenn der Patient den Dolmetscher mitbringt und bezahlt, beim Arzt.

Dr. med. Elisabeth Rowe
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

In kleinen Schritten zum Normalgewicht

Manch eine Adipositas-Therapie scheitert daran, dass die geforderte große Gewichtsabnahme Betroffene abschreckt. Forscher plädieren nun dafür, die Stoffwechsel-gesunde Adipositas als erstes Therapieziel zu definieren. mehr »

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »