Ärzte Zeitung online, 02.10.2013

Saarländische Arbeitgeber

Psychisch krank nicht nur durch Job-Stress

Arbeitgeber im Saarland beschäftigen sich mit den Ursachen des Anstiegs psychischer Krankheiten.

Von Andreas Kindel

Job-Stress nicht schuld am Anstieg der psychischen Erkrankungen

Psychisch krank durch Arbeit? Arbeitgeber im Saarland sehen dafür vielfältige Ursachen.

© granata68 / fotolia.com

SAARBRÜCKEN. Die saarländischen Unternehmer wehren sich gegen den Vorwurf, für die hohe Zahl psychischer Erkrankungen sei allein der Stress am Arbeitsplatz verantwortlich.

"Wir möchten raus aus dieser Schuldzuweisung", erklärte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU), Joachim Malter, vor Journalisten in Saarbrücken.

Seine Überzeugung: Für psychische Erkrankungen gibt es nicht allein eine Ursache, sondern ein Mix aus privaten und beruflichen Faktoren.

Die Unternehmer im Saarland reagieren damit auf die jüngsten Alarmmeldungen der Krankenkassen. Danach sind immer mehr Berufstätige psychisch krank.

Die saarländische Arbeitskammer hatte zudem in einer Befragung von mehr als 200 Betriebs- und Personalräten dieses Jahr herausgefunden, dass in zwei von drei Betrieben über hohen oder sehr hohen Zeit- und Leistungsdruck sowie in mehr als der Hälfte der Firmen über emotionale Belastungen durch Kollegen und Vorgesetzte geklagt wird. Politiker und Gewerkschafter fordern daher eine "Anti-Stress-Verordnung" für die Betriebe.

Geändertes Diagnoseverhalten der Ärzte?

Die saarländischen Unternehmer zweifeln an, ob die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland überhaupt zugenommen hat.

Dazu hatten sie sich fachliche Rückenstärkung vom Direktor des Düsseldorfer Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft, Professor Sascha Stowasser, geholt.

"Ein eindeutig anhaltender Trend des Anstiegs psychischer Störungen in der Gesellschaft liegt nicht vor", erklärte der Arbeitswissenschaftler. Dies belege die Auswertung von mehr als 40 Studien. Vielmehr würden psychische Erkrankungen heute häufiger diagnostiziert.

Dies liege an einem "geänderten Diagnoseverhalten" der Ärzte. Vor allem bei den Hausärzten sei das Problembewusstsein für das Thema "psychische Erkrankungen" stark gestiegen, meinte Stowasser. Sie müssten bei ihrer Diagnose aber noch mehr in die Tiefe gehen.

Als Beispiel nannte er Burn-out: Hier fehle noch immer eine allgemeine Norm, was darunter eigentlich zu verstehen sei.

Angst vor Job kann Ursache sein

"Wir werfen den Hausärzten nicht vor, dass sie vorschnell krank schreiben", versicherte VSU-Hauptgeschäftsführer Malter. Man wolle nur vor der Schlussfolgerung warnen, dass nur die Firma die Menschen psychisch krank mache.

Stattdessen ist Malter überzeugt: "Arbeit macht nicht krank, sondern dient den Menschen unter anderem bei der Entfaltung der Persönlichkeit und der Integration in die Gesellschaft."

Der Vergleich mit Arbeitslosen zeige: Wer arbeitet, leidet deutlich seltener unter psychischen Erkrankungen.

Nach Ansicht von Stowasser fördern viele gesellschaftliche Faktoren psychische Erkrankungen: Leistungsdruck in der Schule, zunehmende Zahl von Singles, Shopping in lärmenden Einkaufscentern.

Allerdings räumte Stowasser ein, dass es auch anerkannte Ursachen in der Arbeitswelt gibt: "Multi-Tasking" am Arbeitsplatz und die Angst vor dem Job-Verlust.

Diese Angst sei kein Randphänomen mehr. Nach einer Erhebung der saarländischen Arbeitskammer ist jeder dritte Arbeitnehmer im Saarland mittlerweile prekär beschäftigt - als Niedriglöhner, Mini-Jobber oder Leiharbeiter.

Sind Mitarbeiter erst mal psychisch krank, wünschen sich auch die Arbeitgeber schnelle Hilfe. Sie plädieren daher für einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung.

"Bei einem schwer depressiven Patienten sind sechs Monate Wartezeit auf einen Termin viel zu lang", erklärte der Arbeitswissenschaftler Stowasser.

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