Ärzte Zeitung online, 10.10.2017
 

Cannabis

Kosten sorgen für Gerangel

Im Frühjahr wurde der medizinische Cannabis-Gebrauch liberalisiert, die Anzahl der Therapien steigt rasant. Doch: Es hakt noch gehörig im System.

Kosten sorgen für Gerangel

Seit März 2017 ist Cannabis eine Therapieoption bei Patienten mit schweren Erkrankungen.

© Africa Studio / stock.adobe.com

FRANKFURT/BERLIN.Cannabis auf Rezept – das war ein historischer Schritt auf dem deutschen Arzneimarkt (wir berichteten). Schwerkranke können den Wirkstoff seit Mitte März in der Apotheke auf Kassenrezept bekommen, ohne Sondererlaubnis. Doch die aktuelle Bilanz gut ein halbes Jahr später fällt gemischt aus: Bei etlichen Cannabis-Firmen herrscht Goldgräberstimmung. Aber so mancher Arzt fühlt sich allein gelassen mit den neuen Ansätzen, und die Kassen sehen immense Zusatzausgaben auf sich zukommen.

Eines der Unternehmen, die hierzulande Cannabis-Wirkstoffe erforschen und verkaufen, ist Bionorica. Die Bayern verzeichnen ein anziehendes Geschäft. Es gebe ein "immens gestiegenes Interesse" von Ärzten an Informationen über Cannabis-Therapien, sagt Chef Michael Popp. Aber auch ausländische Anbieter drängen auf den Markt. Die aus Kanada stammende Tilray mit etwa 11.000 versorgten Patienten weltweit will Cannabis nach Deutschland importieren. "Wir beobachten ein großes Interesse bei Ärzten und Apothekern und wenig kulturelle Ablehnung", sagt Deutschland-Chefin Marla Luther. Tilray forsche zudem an neuen Wirkstoffen und wolle in fünf bis zehn Jahren die Zulassungen haben.

Bei den Krankenkassen hingegen hält sich die Begeisterung angesichts hoher Kosten in Grenzen: Eine Cannabis-Therapie kostet im Monat im Schnitt 540 Euro – so wird es im neuen Gesetz veranschlagt. Bei der Bewilligung der Anträge hakt es, kritisiert Bionorica-Chef Popp. In den ersten zwei Monaten nach der Liberalisierung sei eine "mittlere vierstellige Zahl" von Anträgen für Cannabinoide eingegangen, erklärt der GKV-Spitzenverband.

Kassen beklagen Fehler in Anträgen

"Deutlich über die Hälfte konnten positiv beschieden werden, da die gesetzlichen Anforderungen als erfüllt anzusehen waren." Einige Kassen bemängeln, dass Anträge nicht vollständig oder fehlerhaft seien. Oft gebe es keinen Nachweis, dass andere Behandlungsmethoden ausgeschöpft seien. Weiterer Kritikpunkt: Anders als bei üblicher Arznei habe Cannabis nicht vorab über Studien nachweisen müssen, dass es sicher wirke. Auch verlässliche Daten zu möglichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Substanzen fehlten.

Ärztevertreter sehen ebenfalls Defizite und weisen derweil auf lückenhafte Therapieerfahrungen hin: Es sei schwer, Verschreibungen genau zu begründen, wenn es auf Basis weniger Studien "keine gesicherte medizinische Indikation" gebe, meint Josef Mischo aus dem Vorstand der Bundesärztekammer. Überdacht werden müsse zudem die Vorgabe, dass Cannabis nur abzurechnen ist, wenn gängige Schmerztherapien ausgeschöpft sind: "Auch schon in früheren Stadien versprechen sich Patienten etwas von Cannabis als Schmerzmittel", gibt Mischo zu verstehen.

Cannabis-Firmen wie THC Pharm aus Frankfurt sehen die Entwicklung differenziert. "Die Liberalisierung bedeutet einen großen Schritt nach vorn", sagt Holger Rönitz, Direktor für Geschäftsentwicklung. "Aber es gibt viele neue Firmen, die das große Geschäft wittern und mit unhaltbaren Heilsversprechungen werben." Teils kursierten zudem halbseidene Studien. "Man kann auch nicht jeden Krebs mit medizinischem Cannabis lindern, wie manche behaupten." Und gerade bei Cannabis-Blüten komme es "zu einer Vermischung von Freizeitkonsum und medizinischem Bedarf", sagt Rönitz.

Ein regulierter Markt in Deutschland sei überfällig, da sind sich die Befürworter einig. "Mir war das Cannabis-als-Medizin-Gesetz ein besonderes Anliegen, weil ich möchte, dass schwerkranke Patienten, denen Cannabis wirklich hilft, dieses auch erhalten können – in Arzneimittel-Qualität und auf Kosten der Krankenkassen", sagt Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. "Dass Ärzte und Krankenkassen jeden Fall genau prüfen, ist aber völlig richtig."

Erste Ernte unter Aufsicht 2019

Derzeit wird laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) medizinisches Cannabis vor allem aus den Niederlanden und Kanada importiert. Dabei soll es nicht bleiben. Deutschland hat Anfang März eine staatliche Cannabis-Agentur unter dem Dach des BfArM gegründet, um die Versorgung von Patienten sicherzustellen. Sie soll Hanf aber nicht selbst anbauen, sondern schreibt Aufträge EU-weit an Firmen aus, die sich dann um die deutschen Plantagen kümmern. Mit der ersten Ernte unter staatlicher Aufsicht rechnet das BfArM 2019.

Bis Cannabis in einigen Jahren in Deutschland angebaut wird, könnte bereits das nächste Thema auf die Agenda rücken: Legalisierung auch für den privaten Verbrauch? FDP, Linke und Grüne machen sich für die Freigabe von Anbau und Besitz kleiner Mengen und einen kontrollierten Verkauf stark. In einer möglichen Jamaika-Koalition aus Union, Liberalen und Grünen könnte das "Gras" daher für Unruhe sorgen – als wäre das Durcheinander beim medizinischen Cannabis nicht schon genug.(dpa)

[10.10.2017, 15:34:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Begründung des Cannabis-Gesetzes verleugnet erheblichen vertragsärztlichen Verwaltungs-Mehraufwand!
Ich zitiere wörtlich aus der Begründung des Gesetzentwurfs, der von Deutschen Bundestag einstimmig verabschiedet wurde
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/089/1808965.pdf

"...Eine genaue Berechnung der ersparten und der zusätzlichen Aufwände ist nicht möglich, da nicht hinreichend vorhersehbar ist, in welchem Umfang Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten aufgrund der Neuregelung von einer Verschreibungsmöglichkeit für getrocknete Cannabisblüten oder für Cannabisextrakte Gebrauch machen werden. Nähere Angaben hierzu enthält der Allgemeine Teil der Begründung zu V.4.1. Gesetzesfolgen – Erfüllungsaufwand Bürgerinnen und Bürger.
Für die Erstattung von Cannabisarzneimitteln müssen Versicherte einen Antrag bei ihrer jeweiligen Krankenkasse stellen, in dem das Vorliegen der Anspruchsvoraussetzungen für die Versorgung mit Cannabisarzneimitteln geschildert werden muss. Die Antragstellung verursacht zusätzliche Bürokratiekosten.
E.2 Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft
Für die am Betäubungsmittelverkehr mit weiteren Cannabisarzneimitteln Beteiligten ergeben sich geringfügige Änderungen im Erfüllungsaufwand.
Bei Ärztinnen und Ärzten kann im Rahmen der Verschreibungspraxis von weiteren Cannabisarzneimitteln ein zusätzlicher Erfüllungsaufwand entstehen, der zwischen 22.063 und 44.125 Euro liegt. Dem stehen Einsparungen entgegen, weil für diese Patientinnen und Patienten die Erforderlichkeit der Verschreibung anderer, gegebenenfalls vor der Verschreibung eines Cannabisarzneimittels angewendeter Arzneimittel entfällt (Austausch). Der Erfüllungsaufwand bei den Apotheken verringert sich um 8.542 Euro, weil für sie die Notwendigkeit einer betäubungsmittelrechtlichen Ausnahmeerlaubnis nach § 3 Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes zum Verkehr mit Cannabisarzneimitteln entfällt.
Davon Bürokratiekosten aus Informationspflichten
Durch die Änderung der Position Cannabis in den Anlagen I bis III des Betäubungsmittelgesetzes wird lediglich die Anwendungsmöglichkeit der betäubungsmittel-rechtlichen Regelungen, die bereits für andere verschreibungsfähige Betäubungsmittel gelten, für weitere Cannabisarzneimittel hergestellt. Es werden insoweit keine Informationspflichten neu eingeführt, geändert oder aufgehoben.
Es entstehen Bürokratiekosten aus Informationspflichten für die Vertragsärztinnen und -ärzte, die die Versicherten bei der Antragstellung auf Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen unterstützen.
Insgesamt enthält der Gesetzentwurf hinsichtlich des jährlichen Erfüllungsaufwands für die Wirtschaft demgemäß sowohl geringfügige, nicht vollständig quantifizierbare Belastungen als auch geringfügige, nicht vollständig quantifizierbare Entlastungen, so dass von einer Kompensation im Sinne der „One in, one out“-Regel ausgegangen werden kann..."

Dies bedeutetet, dass in einem einmalig beispiellos diskriminierenden Kraftakt des Gesetzgebers sich Vertragsärztinnen und -ärzte für ihre eigene Heilkundeerlaubnis bzw. diagnostische und therapeutische Qualifikation, Kompetenz, Aus- und Weiterbildung, Empathie und Versorgungsleistung gutachterlich rechtfertigen oder legitimieren müssen, bevor auch nur ein einziger Patient in Abhängigkeit von dem Wohlwollen versorgungsferner GKV-Kassen eine Cannabis-Verschreibung erhält?

Das kann doch nicht wahr sein!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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