Erfolgsrezept
Ärzte Zeitung, 19.07.2013
 

Patienten auf dem Land

Innovative Ideen nehmen Hürden

Mit ihrer Strategie zur optimierten Versorgung der Patienten im ländlichen Raum haben die Betreiber des Gesundheitszentrums Gelstertal den Innovationspreis 2012 gewonnen.

Von Kerstin Mitternacht

baake-A.jpg

Innovatives Ärzteteam: Dr. Nicole Baake-Möller, Dr. Herbert Baake, Dr. Jan Purr und Dr. Robert Tanu.

© Baake-Möller

GROßALMERODE. Die Ärzte aus dem Gesundheitszentrum Gelstertal sind ein eingespieltes Team: Seit vier Jahren gibt es mittlerweile die Partnerschaftsgesellschaft mit zwei Standorten - Großalmerode und Laudenbach.

Die Ärzte Dr. Herbert Baake, Dr. Jan Purr, Dr. Robert Tanu und Dr. Nicole Baake-Möller haben sich damals zusammengeschlossen, weil so die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt ist und nicht nur bei einer Person liegt.

Außerdem bietet der Zusammenschluss wirtschaftliche Vorteil: etwa einen gemeinsamen Einkauf und Abrechnung sowie eine gemeinsame Nutzung der EDV.

Baake ist früh aufgefallen, dass es schwierig wird, in dem strukturschwachen Gebiet einen Nachfolger für seine Praxis zu finden und junge Ärzte auf das Land zu locken. Durch den Zusammenschluss mit mehreren Ärzten sind die Chancen gestiegen.

Einmal je Woche kommt ein Kardiologe

Mittlerweile hat das Gesundheitszentrum drei weitere Ärzte angestellt: Eine Ärztin, eine Ärztin in Weiterbildung, die ein kleines Kind zu versorgen hat, und einen Arzt in Weiterbildung aus Indonesien, der sich gut vorstellen kann, hier in Deutschland als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten.

Die Ärzte rotieren zwischen den beiden Praxen: So gibt es eine schnelle Terminvergabe und kaum Wartezeiten. An beiden Standorten wird die gleiche Versorgung vorgehalten. Zudem kommt einmal in der Woche ein Kardiologe nach Großalmerode, damit den Patienten die Fahrt zum Facharzt in die nächste größere Stadt erspart bleibt.

"Die Verbindung mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht die Beste", sagt Baake. Die Nachfrage ist derzeit so groß, dass der Kardiologe auch an zwei Tagen kommen könnte.

Aber auch weitere Fachärzte wären denkbar, etwa ein Orthopäde oder Gynäkologe. "Doch es ist nicht einfach, jemanden zu finden", so Baake. Und so müssen die Patienten weite Fahrten zum Facharzt auf sich nehmen.

Deshalb denken die Ärzte schon über eine andere Organisationsform nach: einen Minibus, der die Patienten abholt und zum Facharzt bringt.

"Um die Versorgung zu verbessern ist uns auch die Vernetzung mit anderen Gesundheitseinrichtungen enorm wichtig", betont Baake.

Etwa die EDV-Anbindung an das Klinikum Werra-Meissner: "Wir haben eine elektronische Patientenakte entwickelt, sodass ein reibungsloser Ablauf zwischen ambulanter und stationärer Versorgung stattfinden kann. Das ermöglicht uns eine Einflussnahme auf die Behandlung und Medikation", erläutert Baake.

Unter anderem dafür haben die Ärzte im vergangenen Jahr den ersten Preis bei der Ausschreibung "Die innovative Arztpraxis 2012" - einer gemeinsamen Aktion des Biopharmazieunternehmens UCB und der Fachverlagsgruppe Springer Medizin, zu der die "Ärzte Zeitung" gehört, erhalten.

Patienten stimmen Datenaustausch zu

"Der kollegiale Umgang mit den Ärzten in der Klinik ist dabei sehr wichtig: Die Kommunikation funktioniert auf Augenhöhe", berichtet der Hausarzt. Für die Datensicherheit ist unter anderem mit einem Passwort auf Seiten der Praxis und einem Passwort auf Seiten der Klinik gesorgt.

Außerdem müssen die Patienten ihre Einwilligung geben, dass die Daten ausgetauscht werden dürfen. "Die Patienten finden die Kooperation der Ärzte zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sehr gut", so Baake.

Damit die Vernetzung funktioniert, ist die Klinik für die Entwicklung der Patientenakte in Vorlage getreten. "Wir hätten die etwa 60.000 Euro für die EDV nicht stemmen können."

Damit auch der Wechsel von der stationären Behandlung in die eigenen vier Wände reibungslos funktioniert, haben sich die Ärzte für einen Pflegedienst entschieden, der direkt an die elektronische Patientenakte angeschlossen ist.

"Wenn ein Patient am Wochenende entlassen wird und keine Angehörigen hat, zeigt dies die Patientenakte an, und der Pflegedienst unterstützt den Patienten, damit er zu Hause alleine zurecht kommt. So wird verhindert, dass ein Patient zurück in die Klinik kommt, nur weil er niemanden hat, der sich um ihn kümmert", erklärt Baake.

"Wir versuchen alle Pflegedienste im Kreis an dieses Projekt anzuschließen. Dies ist jedoch nicht einfach, da viele autark arbeiten wollen." Neben Pflegediensten sollen auch noch andere Arztpraxen eingebunden werden.

So soll die Versorgung der Patienten optimiert werden, was auch den Kassen Geld spart. Erste Gespräche mit Letzteren werden derzeit geführt.

Damit die innovativen Ideen auch in der Praxis ankommen, haben die vier Ärzte einen runden Tisch mit weiteren niedergelassenen Ärzten der Umgebung, Vertretern von Klinik, Pflege und Kassen sowie Politikern ins Leben gerufen.

Gemeinsames Ziel ist es dabei, die Versorgung der Bevölkerung im Werra-Meissner-Kreis zu verbessern.Mit den Krankenkassen seien die Gespräche allerdings nicht immer einfach, so Baake.

"Besonders mühsam ist es, dass wir immer mit jeder Kasse einzeln verhandelt müssen. Da muss man schauen, welche Patienten bei welcher Kassen sind und ob sich das Gespräch mit der Kasse überhaupt lohnt." Viele Kassen seien zurückhaltend, wenn nicht direkt ein Mehrwert für sie herausspringt, so die Erfahrung der Ärzte.

Damit neue Projekte entstehen können, ist nicht zuletzt die Organisation der Praxis von Vorteil, da so den Ärzten Luft bleibt, Ideen zu entwickeln. "Das wäre in einer Einzelpraxis nicht möglich", ist sich Baake sicher.

Auch für die Altenheime schmieden die Ärzte weitere Pläne und wollen die Versorgung am Wochenende verbessern: Wird der Notarzt am Wochenende gerufen, werden Patienten meist in die Klinik eingewiesen.

"Wir würden uns daher gerne mehr einbringen und so verhindern, dass die Bewohner in die Klinik kommen, denn meist geht es nur um eine Infusion oder ähnliches, dafür brauchen wir aber mehr Personal."

Zurzeit sind die Ärzte mit den Kassen und den Heimen in Verhandlung, um die Wochenendversorgung neu zu regeln.Baake und seinen Kollegen macht die Entwicklung neuer Ideen Spaß, auch wenn sie neben der Arbeit in der Praxis sehr zeitintensiv ist.

"Wir wollen jungen Ärzte eine Perspektive aufzeigen und sie so fürs Land gewinnen und gleichzeitig die medizinische Versorgung verbessern", beschreibt Baake die Motivation, die hinter ihrem Engagement steckt.

Innovationspreis 2013

Haben Sie eine innovative Idee, die Sie in Ihrer Praxis umsetzen wollen oder umgesetzt haben? Dann bewerben Sie sich bis zum 30. November im Wettbewerb "Die innovative Arztpraxis", den das Biopharmaunternehmen UCB und die Verlagsgruppe Springer Medizin in diesem Jahr zum dritten Mal ausschreiben. Sie können mit Ihrer Idee einen von mehreren wertvollen Preisen gewinnen - als Hauptpreis winkt ein eintägiges Praxiscoaching durch die Unternehmensberatung HCC Better Care, Köln.

In unserem Online-Formular beschreiben Sie Ihre Idee und die Umsetzung. Dabei geht es auch darum, dass Sie zeigen, was Ihre Idee innovativ macht – zum Beispiel für die Versorgung von Patienten oder auch für die Wirtschaftlichkeit Ihrer Praxis. Sie können im Internet auch Dokumente hochladen, zum Beispiel Bilder oder Word-Dateien.

Ihre Daten werden nur zur Ermittlung der Gewinner verwendet und nicht an Dritte weitergeleitet.

Bewerbung bis 30. November 2013 online unter www.aerztezeitung.de/extras/innovationspreis

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Frauen schuld an "Männergrippe"?

Jammernde Männer mit Erkältung sind keine Weicheier, sie leiden tatsächlich stärker. Das liegt wohl am Testosteron. Und an Frauen, die testosterontriefende Männer bevorzugen. mehr »

Stammzellgesetz – Bremse für Forscher?

2002 gab es um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen eine hochemotionale Debatte. Heute ist der Pionier von ehedem mit dem Stand seiner Arbeit zufrieden. Doch nicht nur er fürchtet durch das Stammzellgesetz Nachteile für Forscher in Deutschland. mehr »

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »