Erfolgsrezept
Ärzte Zeitung online, 15.09.2017
 

Strategie gegen Impfmüdigkeit

Impftage bringen Patienten in die Praxis

Eine Marbacher Hausarztpraxis veranstaltet an zwei Freitagen im Jahr sogennante Impftage. Die Resonanz ist überwältigend.

Von Michael Sudahl

Impftage bringen Prävention voran

Praxismanagerin Ulrike Dumke-Thinius organisiert zusammen mit Hausarzt Dr. Karlheinz Biehl die jährlichen Impftage der Praxis.

© Michael Sudahl

MARBACH. Nach steriler Hausarzt-Praxis sieht es in der Marbacher Goethestraße auf den ersten Blick nicht aus. Warmes Licht, sanfte Erd- und Weißtöne nehmen Patienten in Empfang. Große Schriftzüge an den Türen weisen den Weg zu Behandlungsräumen, Toiletten und zur Empfangstheke, wo Ulrike Dumke-Thinius zwischen überdimensionalen grünen Porzellanäpfeln am PC sitzt.

"Wir räumen mit dem Vorurteil der in die Jahre gekommenen Hausarztpraxis auf", sagt die Praxismanagerin, deren Oberteil und Schuhe ebenfalls grasgrün leuchten. Seit sechs Jahren arbeitet die 48-Jährige bei Dr. Karlheinz Biehl und seiner Ehefrau Dr. Gyöngyver Bartek-Biehl. Fast genauso lange veranstaltet die Praxis Impftage.

Im ersten Jahr spürbare Impfmüdigkeit

Biehls Praxis war 2016 einer der Top-Bewerber um den "Erfolgs-Rezept Praxis-Preis", der auch dieses Jahr wieder von UCB Innere Medizin und der Fachverlagsgruppe Springer Medizin, zu der die "Ärzte Zeitung" gehört, ausgeschrieben wird. Beworben hatte sich Biehl mit den Impftagen.

Jedes Jahr im Oktober widmet sich das gesamte Praxisteam zwei Freitage lang ausschließlich der Grippeimpfung. Ohne Termin und Wartezeiten können Patienten von acht bis 16 Uhr zum Impfen kommen. Der Erfolg ist groß: 180 Patienten nahmen das Angebot zuletzt wahr.

"Während meines ersten Jahres hier, haben wir unheimlich viel Impfstoff entsorgt", erinnert sich Dumke-Thinius. Eine solche Impfmüdigkeit kannte die aus Sachsen stammende medizinisch-technische Assistentin mit Präventionsmanagement-Ausbildung von früheren Anstellungen nicht.

Insbesondere der Grippeimpfung standen viele Marbacher skeptisch gegenüber. Die Folge: Zur Hochsaison schleppten sich bis zu 750 Infektpatienten ins Wartezimmer.

Impftage ändern Situation – wenn die Bewerbung stimmt

Die 2011 eingeführten Impftage bringen Erleichterung – nicht nur für Patienten. "Der Dokumentations- und Bestellaufwand verringert sich durch die Sonderaktionen", berichtet Dumke-Thinius. Gleichzeitig bringt das Präventionskonzept extrabudgetäres Honorar, das gut planbar ist.

Vorausgesetzt, die Werbung stimmt: "Einmal haben wir keinen Infobrief verschickt", erinnert sich die Praxismanagerin, "der große Ansturm blieb dann aus." Seither ist der Newsletter neben Plakaten, Flyern und direkter Ansprache in der Praxis eine feste Größe.

Das Einbeziehen der MFA hat sich ebenfalls als Erfolgsfaktor herausgestellt: "Oft sind Arzthelferinnen sehr motiviert und sprechen Patienten mit Impflücken von sich aus an", weiß Dumke-Thinius.

Auch Impfpasskontrollen, Erinnerungsanrufe oder Patientengespräche teilen sich die Marbacher auf. "Dazu müssen wir alle Mitarbeiter ausreichend qualifizieren", sagt die Expertin. Da viele Impfstoffhersteller Schulungen kostenlos anbieten, hielten sich die Investitionen in Grenzen.

Erster FSME-Impf-Recall

Ein professionelles Impfprogramm ist Dumke-Thinius zufolge aber Pflicht. Die Schwaben nutzen das WKB Impfmodul, welches den aktuellen Impfstatus der Patienten überwacht und mittels Ampelsystem anzeigt, welche Impfungen fällig werden.

Zudem sind Besonderheiten wie chronische Erkrankungen oder häufige Auslandsaufenthalte hinterlegt. "So können wir notwendige Impfungen frühzeitig beim Patienten ansprechen", erklärt Dumke-Thinius.

Bisher habe im Anschluss kaum jemand die Schutzmaßnahme abgelehnt. Seit es Impftage und Erinnerungsaktionen gibt, lassen sich in Marbach deutlich mehr Menschen rechtzeitig gegen Grippe impfen – auch junge.

"Ich kann anderen Praxen nur raten, das Thema Prävention anzugehen", appelliert Internist Karlheinz Biehl. Im Frühjahr startete sein Team erstmals einen FSME-Impf-Recall. Von 200 angeschriebenen Personen, kamen 180 in die Goethestraße.

Für motivierte Nachahmer hat Biehl einen Tipp: "Verzetteln Sie sich nicht. Eine Impfung pro Aktion reicht." Werden verschiedene Impfungen angeboten, breche schnell Chaos aus.

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