Ärzte Zeitung online, 29.08.2018

Telemedizin

Hamburger Start-up schafft Sicherheit für Herzpatienten

Dr. Jens Beermann hat ein Telemonitoring-System entwickelt, das kardiologischen Patienten rund um die Uhr Versorgungssicherheit verspricht. Er war damit ein heißer Kandidat für den vorjährigen Praxis-Preis.

Von Dirk Schnack

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Kardiologe Dr. Jens Beermann in seiner Praxis in Wedel.

© Dirk Schnack

WEDEL. Wer einmal einen kardiologischen Vorfall hatte, ist unsicher: Kann es mich erneut treffen? Was mache ich, wenn ich dann keinen Arzt auf die Schnelle erreiche? Wie verhalte ich mich auf Reisen?

Der in Wedel bei Hamburg niedergelassene Kardiologe Dr. Jens Beermann kennt diese Fragen. Dass er heute eine telemedizinische Lösung namens Cardiogo dafür anbieten kann, hat er aber nicht zuletzt einem Anstoß aus der Automobilindustrie zu verdanken.

Denn als ein großer deutscher Autobauer seine Navigationsgeräte um eine kardiologische Steuerungsfunktion ergänzen wollte, kam es zum Gespräch mit dem Hamburger Cardiologicum, der nach eigenen Angaben bundesweit größten kardiologisch-angiologischen Gemeinschaftspraxis.

Auch Beermann ist Kooperationspartner der Einrichtung – und die telemedizinische Patientenkontrolle hat ihn schon immer fasziniert. Seit er sich erstmals mit der Idee der kardiologischen Steuerung beschäftigt hat, ließ ihn dieses Ziel nicht wieder los: "Seitdem habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht", so Beermann.

Mobiles EKG in Klinikqualität

Die Kooperation mit dem Automobilhersteller wurde zwar nicht umgesetzt, aber Beermann verfolgte die Idee weiter. Heute ist er Anteilseigner der Hamburger Cardiogo GmbH, die mit ihrer gleichnamigen App samt Patientenbetreuung kardiologischen Patienten mehr Versorgungssicherheit geben will. Cardiogo schaffte es damit unter die zehn besten Bewerber um den Praxis-Preis 2017 von Springer Medizin/Ärzte Zeitung und UCB Innere Medizin.

Cardiogo bietet den Nutzern eine mobile telemedizinische kardiologische Beobachtung und Betreuung, die zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich ist. Zum Equipment zählen ein mobiles EKG-Gerät, eine digitale Gesundheitsakte und die Cardiogo-App für Smartphones.

Patienten mit einem Verdachtsfall können mit dem Multikanal-EKG, das nicht größer als eine Streichholzschachtel und 42 Gramm leicht ist, in kurzer Zeit ein EKG in Klinikqualität erstellen lassen.

Das EKG wird über die App in der digitalen Gesundheitsakte gespeichert. Dann drücken die Patienten in der App den Button "Kardiologen anrufen" und werden mit einem Spezialisten verbunden. Dieser kann die Daten des EKG und weitere in der Gesundheitsakte gespeicherte Informationen einsehen und daraus seine Einschätzung ableiten – er kann beruhigen und entwarnen, zur Kontrolle bei einem Arzt in den kommenden Tagen raten oder im Akutfall einen Notarzt rufen. Jedes geführte Gespräch wird in der Gesundheitsakte dokumentiert.

Zielrichtung Kassenmarkt

Die ärztliche Leistung wird nach GOÄ abgerechnet. Außerdem zahlen Patienten für Equipment und Service monatlich 75 Euro. Mit ersten privaten Krankenversicherungen – Allianz, Gothaer, HanseMerkur – hat Cardiogo bereits Verträge abgeschlossen , auch mit zahlreichen Beihilfetägern gibt es bereits Vereinbarungen zur Kostenübernahme.

"Wir reden mit weiteren privaten Versicherungen. Unser Ziel ist es aber, dass Cardiogo auch gesetzlich Versicherten zur Verfügung steht. Cardiogo ist keine Lösung nur für Besserverdienende", so Unternehmenschef Beermann. Neben den Kassen-Vertretern müssen nun auch Ärzte und Patienten überzeugt werden.

Dafür ist laut Beermann jetzt der richtige Zeitpunkt – denn in der ersten Systemphase hätten noch technische und juristische Feinabstimmungen vorgenommen werden müssen. Die Zeit dafür konnte sich Beermann nehmen, weil ihn keine Investoren drängten.

In den vergangenen Jahren habe er mit wechselnden Partnern schon mehr als eine Million Euro und schätzungsweise Tausende Arbeitsstunden in sein Produkt investiert. Um aber den Schritt von der Marktreife zur breiten Einführung gehen zu können, sucht er jetzt doch finanzstarke Investoren.

Eine Schlüsselrolle für die weitere Entwicklung seines kardiologischen Telemonitorings nehmen neben potenziellen Partnern und den Kostenträgern Beermanns Kollegen ein. Ärzte sind nicht nur für das persönliche Gespräch mit den Cardiogo-Patienten gefragt, sondern auch als Multiplikatoren, die von Beermanns Produkt so überzeugt sind, dass sie es ihren Patienten empfehlen. Dabei ist sich der Facharzt durchaus des Aufwands bewusst: "Das Produkt läuft nicht von allein, es ist erklärungsbedürftig."

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