Ärzte Zeitung, 13.08.2015
 

Bei Kinderwunsch

Die App weiß, wann's klappt

Frauen können mit Apps ihren Zyklus dokumentieren und die voraussichtlichen Fruchtbarkeitstage anzeigen lassen. Ein Service, der immer beliebter wird.

Von Kerstin Mitternacht

Die App weiß, wann's klappt

Schwangerschaftsdiagnose via App? Sicher ist auch das möglich. Sicherheit gibt aber nur der Besuch beim Gynäkologen.

© nenetus/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Die Bandbreite an Fitness- und Gesundheits-Apss allein im App Store ist groß und teils sehr spezialisiert. So spricht eine Vielzahl an Apps nur Frauen an.

Die zweitgrößte Kategorie in diesem Bereich sind Apps, mit denen sich der weibliche Zyklus aufzeichnen lässt und die das fruchtbare Zeitfenster im menstruellen Zyklus bestimmen, sowie Apps rund um das Thema Schwangerschaft.

Eine dieser Apps ist "Clue". Seit zwei Jahren ist diese App auf dem Markt und verzeichnete nach Angaben des Herstellers weltweit bereits drei Millionen Downloads. Clue ist eine kostenlose App, die Frauen dabei helfen soll, den eigenen Zyklus zu verfolgen und ihren Körper besser zu verstehen.

Durch das tägliche Eingeben von Stimmung, sexueller Aktivität und Details zur Menstruation lerne die App die Nutzerin kennen und könne so Aussagen über deren individuelle Fruchtbarkeit treffen. Zudem enthält Clue Informationen über die Menstruation und das prämenstruelle Syndrom (PMS), die in Zusammenarbeit mit einem Team von Wissenschaftlern entwickelt wurden.

Clue stellt aber auch Informationsmaterial über den Menstruationszyklus bereit, um Fragen zu beantworten, wie: Ist mein Zyklus normal? Oder wann kann ich schwanger werden?

App-Anbieter will auch forschen

"Frauen haben schon immer das Bedürfnis gehabt ihren Zyklus aufzuzeichnen", sagt Hans Raffauf, Gründer und Geschäftsführer von Clue. Die Rückmeldung der Nutzerinnen sei sehr positiv.

Das Unternehmen hinter der App, die BioWink GmbH, möchte aber nicht nur Frauen beim Beobachten ihres Zyklus unterstützen, sondern mit der großen Menge an Daten, die sich über die App generieren lassen, Forschung betreiben und so dazu beitragen neue Kenntnisse zu gewinnen.

"Wir haben früh erste Gespräche mit Universitäten geführt", berichtet Raffauf. "So prüft die Universität in Utah, ob durch die Spirale höhere Blutungen auftreten, und die Universität in Columbia nutzt die Daten, um sich die Zykluslängen anzuschauen."

Künftig soll anhand der App unter anderem auch geschaut werden, welche Pillen die Frauen einnehmen und welche Nebenwirkungen auftreten.

Früher war es für die Forschung weitaus komplizierter, an Daten zu kommen, und meist waren es nur kleinere Gruppen von Frauen, heute habe man durch die Nutzung von Apps gleich einen enormen Datensatz parat, so Raffauf.

Praktische Brücke zum Gynäkologen

Aber nicht nur für Forschungszwecke sind die gespeicherten Daten geeignet. Die Frauen können diese Daten auch an ihren Gynäkologen schicken. Diesen Bereich, der Arzt-Patienten-Kommunikation will Clue weiter ausbauen.

"Wir arbeiten dafür mit Ärzten zusammen, um Inhalte abzustimmen. Das Interesse der Ärzte ist dabei groß. Wir sind der Meinung, dass der Nutzen für Ärzte enorm ist, da ihnen mit den Daten die Arbeit erleichtert wird."

Wie bei allen Apps spielt natürlich auch die Datensicherheit eine große Rolle. Ob Frauen ihre Daten für Forschungszwecke freigeben wollen, entscheiden sie selbst. Sie können einen Account bei Clue erstellen, aber auch einfach nur für sich die App auf dem Smartphone nutzen.

Wer sich die Apps, die den Zyklus aufzeichnen und die Fruchtbarkeit bestimmen, anschaut, erkennt, dass diese alle ähnlich funktionieren: Die Nutzerin wird nach der Länge des Zyklus gefragt, der letzten Periode und PMS. Ein Kalender zeigt dann die Tage der Menstruation und die fruchtbaren Tage an.

In den Kalender lässt sich bei den meisten Apps auch die eigene Stimmung (fröhlich, sensibel), ob man Schmerzen hat (Krämpfe, Kopfschmerzen), der Zervixschleim und wann man Sex hatte eintragen.

Auch lässt sich bei einigen Apps die Temperatur notieren oder zusätzlich äußere Einflüsse wie Alkoholkonsum hinzufügen. Zudem gibt es oft Platz für weitere persönliche Notizen und eine Erinnerungsfunktion, wann der nächste Zyklus oder die Fruchtbarkeit beginnt.

Wissenschaftlicher Zweifel

Professor Georg Griesinger, Direktor der Sektion Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie des UKSH am Campus Lübeck, sieht in solchen Apps keinen wirklichen Mehrwert.

"Die Zyklusbeobachtung ist eine uralte Technik, nur ist diese Kalendermethode weder bei der Verhütung noch beim Thema Kinderwunsch verlässlich", so Griesinger.

"Als Spielerei können Frauen natürlich auch ihren Zyklus verfolgen, einen Nutzen hat dies allerdings nicht, auch wenn es auf den ersten Blick für viele Frauen den Anschein macht", sagt der Reproduktionsmediziner. Ein solcher Kalender berge sogar die Gefahr, dass der Eisprung verpasst werde.

"Ein Paar, das durchschnittlich drei bis fünf Mal im Monat Sex hat, hat immer eine reelle Chance schwanger zu werden." Aber auch der Arzt beobachtet, dass moderne Paare oft versuchten, wenn es nicht sofort mit dem Kinderwunsch klappt, mit einer App das Ergebnis zu optimieren.

Dies passe in die moderne Zeit und die zunehmend zu beobachtende Datensammelwut, so Griesinger. "Wer regelmäßig Sex hat, braucht aber keine App, um sich fortzupflanzen."

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