Ärzte Zeitung, 19.08.2016

Gesundheits-Apps

Wie der Nutzen zu messen ist, steht in den Sternen

Der Markt für Gesundheits-Apps wächst. Menschen mit chronischen Erkrankungen könnten davon besonders profitieren. Um sie zu erreichen, müssen die Entwickler bislang viele Hürden nehmen, heißt es in einer Bertelsmann-Studie.

Von Susanne Werner

BERLIN. Gesundheits-Apps sind für viele Menschen längst zu täglichen Begleitern geworden. Hunderttausende von Mini-Programmen stehen zum Runterladen auf Handy oder Tablet bereit - seien es Schrittzähler, Migränetagebücher oder auch Fruchtbarkeitskalender.

Die meisten der Angebote richten sich jedoch an Gesunde. Chronisch-Kranke stehen bislang zu selten im Blickfeld der Entwickler, bemängelt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Sie aber könnten von Medizin-Apps, die ihnen bei der Kontrolle oder Bewältigung ihrer Krankheit helfen, besonders profitieren.

Einzelne Anwendungen auf Rezept

Mithilfe von Medizin-Apps lassen sich Diagnosen wie beispielsweise Hörtests erstellen. Sie erinnern rechtzeitig daran, die verordneten Medikamenten einzunehmen oder helfen mit Informationen und Hinweisen bei psychischen Beschwerden weiter.

"Die Apps sind weder Produkte wie Arzneimittel, noch Prozesse wie Disease-Management-Programme, sondern eine Mischung von beidem. Sie heben sich dadurch von anderen Innovationen im Gesundheitswesen deutlich ab.", sagt Timo Thranberend, Projektleiter bei der Bertelsmann-Stiftung.

Auch hinsichtlich der Entwicklungszeit und der Kosten seien die digitalen Anwendungen kaum mit herkömmlichen Pharmaprodukten zu vergleichen. Von der Produktidee bis zum Markteintritt dauert es höchstens ein Jahr und die Ausgaben dafür liegen weit unter jenen in der Arzneimittelbranche.

"Medizin-Apps haben eine grundsätzliche andere Wirkweise als Arzneien oder Heil- und Hilfsmittel. Die klassischen Verfahren der Nutzennachweise wie etwa randomisiert-kontrollierte Studien lassen sich daher nicht einfach auf die digitalen Angebote übertragen", sagt Thranberend.

Diese Hürde muss jedoch genommen werden, wenn Medizin-Apps als reguläre Angebote in der Patientenversorgung aufgenommen werden sollen. "Wir gehen davon aus, dass für unter zehn Prozent aller Anwendungen auf dem Markt das Thema Medizinproduktezertifizierung relevant ist", sagt Thranberend.

Bislang gelinge es jedoch nicht, aus der Menge der Anwendungen systematisch diejenigen zu identifizieren und zu nutzen, die echte Potenziale für Qualität und Effizienz haben.

Start-ups fokussieren Selbstzahlermarkt

Die Folge sei, dass sich viele Start-ups bislang auf den Selbstzahlermarkt konzentrieren und ausschließlich gesunde Menschen ansprechen. Vereinzelt gebe es zwar "Anwendungen auf Rezept".

Diese seien jedoch meistens von "Pionieren" unter den Krankenkassen und hoch engagierten Unternehmen vorangetrieben worden. Ein breiter Transfer in die reguläre medizinische Versorgung scheitere an der Neuartigkeit der digitalen Innovationen und am engen Zugang in das Gesundheitssystem.

Um die Neuartigkeit der digitalen Angebote in ihrer Studie zu berücksichtigen, haben die Forscher daher zunächst ein Transfermodell für Digital-Health-Anwendungen entwickelt. Zudem ergänzte eine Befragung von 30 Vertretern aus Gesundheits-Start-ups, aus der Wissenschaft und dem Journalismus die Analyse.

Im Ergebnis zeigt sich, dass ein fehlender Standard zum Nutzenachweis der Gesundheits-Apps eine von sechs bedeutenden Hürden ist. 73 Prozent der Experten stuften die fehlenden Vorgaben als sehr relevant, weitere 19 Prozent als eher bedeutend ein.

"Langfristig ist es für die Glaubwürdigkeit und den Erfolg von Digital Health unabdingbar hierfür methodisch solide angemessene Grundlagen zu schaffen", sagt Thranberend.

Unsichere Vergütung durch Kassen

Auch die unsichere Vergütung durch die Krankenkassen sah die große Mehrheit der Experten als eine bedeutende Hürde an. Vielen Krankenkassen, so der Studienleiter, wüssten nicht, ob die neuen digitalen Angebote eher wie Arzneimittel oder wie Heil- und Hilfsmittel einzuordnen seien.

Zu den weiteren Hürden zählen die bestehende Form der Medizinproduktezertifizierung, die fehlende technische und kulturelle Anbindung der Start-ups als neue Leistungserbringer, die Intransparenz des digitalen Marktes sowie eine ausreichende Forschungsförderung.

"Die bisherigen Logiken und Verfahren des Innovationstransfers sind auf diesen neuen Bereich nicht eins zu eins übertragbar", sagt Studienleiter Thranberend. Es sei daher nötig, Qualitätsmerkmale für eine Medizin-App festzuschreiben und dies auch in der Branche zu vermitteln.

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