Ärzte Zeitung online, 21.11.2018

Labordiagnostik

KI soll nicht Arzt-Entscheidungen ersetzen

Künstliche Intelligenz ist schon heute Realität in der Medizin, etwa in Laboren. Aber auch Patienten können sie zur Symptombewertung nutzen. Das ist nicht unumstritten.

Von Helmut Laschet

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Künstliche Intelligenz und Digitalisierung finden immer mehr Eingang in die Medizin, Apps sollen Patienten zum Beispiel individuell bei der Prävention unterstützen. In Laboren ist die Digitalisierung schon weit fortgeschritten.

© vege / stock.adobe.com

BERLIN. Mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) können schon heute Ärzte bei der Diagnosefindung unterstützt werden, und auch Patienten haben die Möglichkeit, anhand von Symptomen und deren Kombination herauszufinden, an welcher Krankheit sie wahrscheinlich leiden und ob ein Arztbesuch indiziert ist.

Ganz unumstritten ist das nicht, wie eine Diskussionsveranstaltung der Akkreditierten Labore in der Medizin e. V. (ALM) am Montag in Berlin zeigte.

Ein Beispiel für den Einsatz von KI ist das Berliner Start-up Ada Health, das sich zum Ziel gesetzt hat, personalisierte Gesundheitsversorgung und –prävention jedermann zugänglich zu machen.

Das 2011 von Ärzten, Wissenschaftlern und Softwareentwicklern gegründete Unternehmen hat vor zwei Jahren eine App gelauncht, die inzwischen in 130 Ländern und in fünf Sprachen verfügbar ist.

Personalisierte Prävention per App

Fünf Millionen Menschen haben die App bereits für insgesamt acht Millionen Symptomanalysen genutzt. Noch wird das Projekt von Investoren finanziert, doch ist geplant, es den Krankenkassen – gegen Entgelt – zur Verfügung zu stellen und daraus in Zukunft eine personalisierte Prävention zu entwickeln, so die medizinische Direktorin Ewelina Türk.

In fünf Jahren, so glaubt sie, werde KI in weiten Teilen der Medizin etabliert sein. Und KI werde auch eine Option sein, in Entwicklungsländern mit einer schwachen medizinischen Infrastruktur einen wichtigen Beitrag zur Versorgung zu leisten.

„Die Nutzung von KI ist in der Medizin längst Realität. Ärzte sind dabei auch Treiber von Innovationen“, meint Dr. Stephan Hofmeister, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Sie könne die Diagnosefindung erleichtern, beschleunigen und sicherer machen, aber nicht die ärztliche Letztentscheidung und Verantwortung ersetzen. Nach seiner Auffassung müsse KI die persönliche Anamnese des Patienten begleiten.

Kritisch sieht Hofmeister es, wenn Patienten, die „Diagnose-Apps“ verwenden, mit vorgefassten Meinungen in die Praxis kommen, deren Zustandekommen die Ärzte dann überprüfen und möglicherweise widerlegen müsse.

Nicht zur Kontrolle des Arztes

Auch zur Kontrolle ärztlicher Entscheidungen durch den Patienten sollte KI nicht verwendet werden. Bei fehlendem Vertrauen sei es besser, den Arzt zu wechseln.

Andererseits: Erfahrungen aus der Schweiz mit Entscheidungssystemen, die der ärztlichen Versorgung vorgeschaltet sind, zeigten, dass rund 20 Prozent weniger Behandlungsfälle entstehen, weil Gesundheitsprobleme auch ohne ärztliche Intervention gelöst werden können.

Solche Werte in Deutschland zu erreichen, werde angesichts der vom GKV-Spitzenverband zugestandenen geringen Vergütung für die Videosprechstunde nicht möglich sein. „Das wird nicht die endgültige Lösung sein“, so Hofmeister.

Am weitesten vorangeschritten ist die Digitalisierung der Medizin in den Laboren. Sie ermögliche es beispielsweise, den Prozess der Diagnosefindung von Blutkrebs zu automatisieren und zu beschleunigen und somit auch frühe und behandelbare Krankheitsstadien zu erkennen, sagt Dr. Michael Müller, von Vorsitzender von ALM.

Technische Innovationen trügen dazu bei, Infektionen und Resistenzen rasch zu erkennen und damit die Medizin sicherer und effektiver zu machen.

Daten für Versorgungsforschung

Eine weitere – noch nicht genutzte Option – sei es, die in den medizinischen Laboren anfallenden Daten der Versorgungsforschung zugänglich zu machen.

Pro Tag werden allein in den ALM-Praxen 712.000 Aufträge mit rund 4,5 Millionen Einzelergebnissen abgearbeitet. Würden diese Daten strukturiert und zugänglich, wäre das eine Professionalisierung des Wissens-Managements in der Medizin, so Müller.

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