Ärzte Zeitung, 15.08.2016

Großbrand

Arzt kämpft nach Feuer um Existenz

Privatarzt Marco Prümmer hat durch einen Großbrand seine Praxis und damit seinen Lebensunterhalt verloren. Der Weg zum Neuanfang ist steinig.

Von Nina Nöthling

Arzt kämpft nach Feuer um Existenz

Ein Feuer kann die finanzielle Existenz bedrohen.

© jokerpro/Fotolia

AACHEN. Dr. Marco Prümmer, Allgemeinarzt aus Aachen, hat schreckliches erlebt: In der Nacht zum 1. Juni 2015 steckte ein Brandstifter das Gebäude, in dem sich seine Praxis befand, in Brand. Der Anschlag galt einem Möbeldiscounter, der sein Lager im selben Gebäude hatte. Prümmer erfährt in den frühen Morgenstunden, dass seine Praxis meterhoch in Flammen steht. Als der 53-Jährige am Ort des Geschehens ankommt, kann die Feuerwehr ihm nur noch mitteilen, dass sie das Gebäude nur gezielt abbrennen lassen kann.

Nachdem Prümmer sich vom anfänglichen Schock erholt hat, benachrichtigt er seinen Versicherer Generali über den Schaden. Bei dem Münchner Unternehmen hat der Arzt eine kombinierte Sach- und Gewerbeversicherung. Das Packet beinhaltet nach Angaben Prümmers eine Inhaltsversicherung über 120.000 Euro und eine zwölfmonatige Betriebsunterbrechungspolice.

Um sich einen Überblick über das Schadensausmaß zu machen, vereinbart der zuständige Schadenregulierer der Generali einen Besichtigungstermin mit Prümmer sowie einem externen Gutachter. Bei diesem Termin konnten dann einige Gegenstände aus den Räumen der Praxis geborgen werden. Der Versicherer beauftragte Belfor, ein spezialisiertes Sanierungsunternehmen, damit, die Geräte zu untersuchen und festzustellen, ob eine Reparatur möglich ist.

Versicherer will Inventarliste

Die Generali wollte außerdem eine detaillierte Inventarliste vom Arzt, inklusive Rechnungen. Die Unterlagen waren jedoch in der Praxis verbrannt. "Das schien der Generali aber egal zu sein. Ich sollte trotzdem möglichst schnell eine Liste abliefern", sagt Prümmer der "Ärzte Zeitung".

Er versuchte, die Unterlagen zu ersetzen, indem er bei Firmen anrief und Angebote einholte. Deshalb besorgte sich der Mediziner Unterstützung bei Alexander Hammer, einem Fachanwalt für Versicherungsrecht. Diesem übertrug er auch die weitere Kommunikation mit dem Versicherer.

"Die komplette Einrichtung musste nicht ersetzt werden, allerdings große Teile davon", teilte die Generali auf Anfrage mit. Rund drei Viertel der Einrichtung seien durch den Brand beschädigt worden. Das Sanierungsunternehmen Belfor fügte hinzu, dass ein paar der Geräte saniert werden könnten. Prümmer hielt das aber nicht für tragbar: "Ich kann nicht mit Geräten an Patienten arbeiten, die Feuer, Rauch und Löschwasser ausgesetzt waren", erklärt er.

Die Generali hatte außerdem eine Unterversicherung festgestellt. Bei einer Unterversicherung ist die Versicherungssumme niedriger als der Wert der versicherten Gegenstände. Die Regulierungssumme wird jedoch prozentual dem Schaden angepasst. Das bedeutet, werden 50 Prozent der versicherten Gegenstände beschädigt, erhält der Versicherte 50 Prozent der Versicherungssumme, unabhängig davon ob diese Summe, den tatsächlichen Schaden deckt. Rechtsanwalt Hammer schlug dem Versicherer daraufhin einen Vergleich vor. Prümmer erhielt 78.000 Euro.

Bei der Suche nach geeigneten Räumen für eine Neueröffnung der Praxis musste der Arzt weitere Schwierigkeiten überwinden. Der Allgemeinmediziner mit Spezialisierung auf Präventivmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie und Vitalstoffe hat keine kassenärztliche Zulassung und ist ausschließlich als Privatarzt tätig. Das macht den Einstieg in andere Praxen schwierig. "Eine präventive Behandlung ist sehr zeitaufwendig. Das passt nicht in den Ablauf einer kassenärztlichen Praxis."

Angebote vom Vermieter

Beispielsweise erhielt er das Angebot, in die neue Praxis eines Physiotherapeuten mit einzuziehen. Dieser war vorher bei Prümmer angestellt und hat sich mittlerweile selbstständig gemacht. Der Vermieter bot Prümmer an, die Räumlichkeiten mit zu benutzen, wenn er dafür die Bürgschaft des Therapeuten übernähme und einen Mietvertrag für fünf Jahre unterschriebe. Eine Tätigkeit als angestellter Arzt kommt für den 53-Jährigen nicht infrage. "Ich bin ein kreativer Mensch und gestalte in diesem Sinne auch gerne meine Praxis."

Die Generali wollte, dass Prümmer in wenigen Monaten eine neue Praxis eröffnet. In Aachen könne man innerhalb von drei Monaten ohne Probleme neue Räumlichkeiten finden, soll der Schadenregulierer dem Arzt gesagt haben. Diese Einstellung habe sich auch bei der angebotenen Zahlung aus der Betriebsunterbrechungspolice widergespiegelt. "Auf Grundlage der betriebswirtschaftlichen Auswertungen der vergangenen 18 Monate wurde eine Summe von 44.544 Euro ermittelt", so die Generali. Das entspricht fünf Monaten Betriebsausfall.

Der Anwalt und Prümmer hielten dieses Angebot für unangemessen. Bei einem Gütetreffen legte der Schadenregulierer ein inoffizielles Gutachten vor. "Er versuchte über dieses interne Datenblatt, Druck auf mich auszuüben, keine weiteren Forderungen mehr an die Generali zu stellen", kritisierte Prümmer. Auch habe weder er noch sein Anwalt die Datenfreigabe an Dritte erteilt.

Treffen ohne Einigung

Das Treffen endete ohne Einigung. Kurze Zeit später erfolgte die schriftliche Mitteilung der Generali: Ein offizieller Gutachter sei hinzugezogen worden, um zu erörtern, ob fünf Monate Betriebsausfall angemessen seien.

Am 29. Februar 2016 erhielt Prümmer das Gutachten. In diesem heißt es ebenfalls, dass es nach drei Monaten möglich sein müsse, eine neue Praxis aufgebaut zu haben. "Ich halte das für eine Frechheit, denn in drei Monaten allein, ohne Personal eine Praxis aufzubauen, geht nicht. Ich war auch noch mit der Dokumentation beschäftigt." Prümmer will jetzt prüfen, ob seine Rechtsschutzversicherung einen Prozess abdecken würde und gegebenen falls Einspruch einlegen. Anderenfalls muss er aus wirtschaftlichen Gründen der Generali nachgeben.

Für die Patienten war die Zerstörung der Praxis ein Schock. Patienten, die sich zum Zeitpunkt des Feuers in Therapie befanden, konnte der Arzt bei Kollegen unterbringen. Alle Mitarbeiter musste er entlassen. Viele haben mittlerweile wieder Arbeit gefunden, sind aber in ganz Deutschland verteilt. Seine leitende Arzthelferin arbeitet in der neuen Praxis des Physiotherapeuten.

Seit Januar ist Prümmer provisorisch in der Praxis seines Bruders in Herzogenrath untergekommen. Einige der ehemaligen Patienten sind jetzt wieder bei ihm in Behandlung. Er ist zuversichtlich, dass die meisten anderen auch wieder zurückkommen werden. Er konnte auch einige neue Patienten am derzeitigen Standort gewinnen.

Die Praxis ist mit öffentlichen Verkehrsmittel schwer zu erreichen und ist deshalb keine endgültige Lösung. Prümmer steht in Verhandlungen mit einer Apotheke, die sich auf Präventionsmedizin spezialisieren und eine zentrale Anlaufstelle schaffen möchte. Prümmer würde dort als Präventivarzt eine Praxis führen. Als weiterer Partner ist ein Heilpraktiker im Gespräch.

Der Arzt hat nach eigenen Angaben genügend Nebeneinnahmen durch Vorträge, Beratungstätigkeiten und den Vertrieb von selbst entwickelten Fitness-Shakes. Das reicht, um sein Haus weiter abzubezahlen und den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Auseinandersetzung mit der Versicherung hat ihn aber gesundheitlich belastet. Seine neue Praxis will Prümmer deshalb kleiner halten als zuvor.

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