Ärzte Zeitung, 11.01.2017
 

Private Krankenversicherung

Tarifwechsel nicht immer ratsam

Durch einen Verzicht auf Leistungen können PKV-Kunden Tarife niedrig halten. Das kann sich später aber rächen – wenn bei Bedarf zum Beispiel hohe Risikozuschläge fällig werden.

Von Ilse Schlingensiepen

Tarifwechsel nicht immer ratsam

Wenn PKV-Prämien steigen, prüfen viele Versicherte die Flucht in einen günstigeren Tarif.

© N-Media-Images / Fotolia.com

KÖLN. Ende 2016 hat es die meisten Privatversicherten getroffen: Viele private Krankenversicherer (PKV) haben für 2017 die Beiträge erhöht. Im Schnitt müssen die Kunden elf Prozent mehr bezahlen, die Beitragsanpassungen können sich aber auch auf 20, 30 oder sogar 40 Prozent belaufen. Bei manchem ist da die finanzielle Schmerzgrenze erreicht.

Ein häufig empfohlenes Mittel, um die PKV-Beiträge zu senken, ist der Tarifwechsel beim eigenen Versicherer. Er kann lohnend sein, ist aber kein Allheilmittel und sollte gut geprüft werden. PKV-Kunden haben das Recht, bei ihrem Anbieter in einen Tarif mit gleichartigem Versicherungsschutz zu wechseln.

"Es gibt Fälle, in denen der Tarifwechsel wirklich Sinn macht", sagt Versicherungsmakler Javier Garcia, der auf den Tarifwechsel in der PKV spezialisiert ist. "Aber für einen großen Teil der Versicherten lohnt sich der Tarifwechsel nicht", findet er. So weit würde Rita Reichard nicht gehen, Referentin für Versicherungsrecht bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Nicht für jeden ist der Tarifwechsel geeignet", sagt aber auch sie.

Erneute Gesundheitsprüfung droht

Das zentrale Problem ist für Garcia, dass die Versicherten die niedrigeren Prämien mit einem Verzicht auf Leistungen erkaufen. Wenn sie später erkennen, dass sie doch eine umfangreichere Deckung benötigen, können sie zwar erneut wechseln – dann wird aber wieder eine Gesundheitsprüfung fällig, die Kunden müssen für die zusätzlichen Leistungen eventuell einen Risikozuschlag zahlen.

Es kann passieren, dass Kunden nach einiger Zeit auch im neuen Tarif mit starken Beitragserhöhungen konfrontiert werden. Wird ihnen die Belastung erneut zu hoch, geht die Suche nach einem anderen Angebot los. Ist der Versicherungsumfang reduziert, bleiben nur wenige Alternativen zum Wechseln. "Man sollte sich bei den Leistungen nie zu weit vom Ursprungsniveau entfernen, damit man noch Wahlmöglichkeiten hat, falls ein weiterer Wechsel erforderlich ist", empfiehlt Garcia.

"Der Verzicht auf Leistungsmerkmale kann gefährlich sein", warnt auch Reichard. Kunden sollten sich also genau über den Leistungsumfang des gewünschten Tarifs informieren. Bei der Wahl eines neuen Tarifs dürfen sie nicht nur den aktuellen Beitrag im Blick haben. "Man sollte immer darauf schauen, wie sich der Tarif in der Vergangenheit entwickelt hat", rät sie. Gab es länger keine Anpassungen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass auch hier bald Beitragserhöhungen anstehen.

Für die Versicherten ist es oft sehr schwer einzuschätzen, ob sich ein Tarifwechsel für sie lohnt – und wenn ja, welches Angebot geeignet ist. Zudem hat die PKV in der Vergangenheit häufig versucht, Kunden beim Wechsel Steine in den Weg zu legen. Deshalb bietet inzwischen eine Reihe spezialisierter Dienstleister ihre Hilfe an, darunter leider eine nicht unerhebliche Zahl unseriöser Anbieter.

"Ich rate zur Vorsicht bei Vermittlern, die mit günstigen Tarifwechseln locken", sagt Verbraucherschützerin Reichard. Unternehmen, die sich ungefragt per Telefon oder Mail an Versicherte wenden, sollte man ignorieren.

Vorschicht vor schwarzen Schafen!

Viele arbeiten mit erfolgsabhängigen Honoraren: Der Kunde muss nur bezahlen, wenn er tatsächlich wechselt. Dann erhalten die Berater einen Teil der Ersparnis als Honorar. Vorsicht ist geboten, wenn sie die acht- oder zehnfache Monatsersparnis verlangen oder sogar noch mehr. Wichtig ist zudem, dass die Ersparnis nicht mit gravierenden Leistungsminderungen erkauft wird oder durch eine drastische Erhöhung des Selbstbehalts. Klären die Unternehmen nicht über die Folgen solcher Maßnahmen auf, ist das ein schlechtes Zeichen.

Möglich ist auch die Abrechnung nach Stundensätzen oder Pauschalhonoraren. "Von Pauschalhonoraren sollte man die Finger lassen", findet Timo Voß, Leiter der Abteilung Mitgliederberatung beim Bund der Versicherten. Bei Pauschalhonoraren besteht die Gefahr, dass unseriöse Berater überzogene Summen kassieren und Mandate annehmen, bei denen klar ist, dass sich ein Tarifwechsel gar nicht lohnt. Beim Tarifwechsel besteht keine Eile, er ist jederzeit möglich. "Man sollte das nicht von heute auf morgen entscheiden", betont Voß.

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