Ärzte Zeitung, 04.12.2017
 

Bürgerversicherung?

Verbände sehen nur eine Mogelpackung

Die Kritik der Ärzteschaft an der von der SPD wieder ins Spiel gebrachten Bürgerversicherung reißt nicht ab. Ärzteverbände, die rund 70.000 Ärzte vertreten, setzen sich jetzt für das duale System ein.

NEU-ISENBURG. Aus allen Teilen der Ärzteschaft erheben sich derzeit Stimmen für den Erhalt und die verantwortungsvolle Fortentwicklung des dualen Systems aus gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen.

Das duale System sei "Garant für Selbstbestimmung des Einzelnen, für Versorgungssicherheit, Therapiefreiheit und Qualität und Innovation im deutschen Gesundheitssystem", heißt es in einer Mitteilung von Hartmannbund und Privatärztlichem Bundesverband (PBV), der sich auch weitere Ärzteverbände angeschlossen haben: der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP e.V.), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte BVKJ e.V. und die Medica e.V. Insgesamt vertreten die Verbände etwa 70.000 Ärzte in Deutschland.

Anlass sind die Forderungen der SPD, in einer möglichen Koalition mit der Union die Bürgerversicherung als Reformprojekt anzupacken (wir berichteten). Die Autoren des Papiers der Verbände halten dagegen, die kapitalgedeckten Krankenversicherungen funktionierten mit ihren Altersrückstellungen in Höhe von 280 Milliarden Euro "im Wesentlichen". Sie "sollten nicht durch ein schon oft an seine Grenzen gekommenes System aus einer oder mehreren umlagefinanzierten Zwangsversicherungen ersetzt werden".

"Die durchaus wettbewerbliche Koexistenz von Gesetzlichen und Privaten Krankenversicherungen und die deutlich überproportionale Mittelbereitstellung aus dem PKV-System sorgt darüber hinaus seit Jahrzehnten dafür, dass das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich "spitze" ist – und zwar für alle Patientinnen und Patienten und unabhängig von der Art der Versicherung", betonen die Autoren der Verbände, Dr. Stefan Schröter, Dr. Michaela Geiger, Dr. Elmar Storck und Dr. Thomas Ems.

Es gebe durchaus auch eine "Bringschuld bei den Privaten Krankenversicherungen", heißt es weiter: "Diversität und Wettbewerb zwischen den Privaten Krankenvollversicherungen erfordern unter anderem faire und für den Versicherten komfortable Regelungen zur verlustfreien Übertragbarkeit von Altersrückstellungen beim Wechsel des Versicherungsanbieters."

Angesichts der zu erwartenden Herausforderung im deutschen Gesundheitswesen wäre nach Meinung der Verbände zudem "ein Umdenken in der Struktur dringend notwendig". Der Ansatz eines innovativen Kostenerstattungsmodells sollte in diesem Zusammenhang vorrangig diskutiert werden, heißt es weiter.

"Der wohlklingende Name Bürgerversicherung verdeckt den Blick auf eine Mogelpackung für alle Versicherten", fassen die Autoren zusammen. Es werde, wie in anderen ähnlichen Systemen, zu einer Rationierung und Verschlechterung der Leistung für alle Versicherten kommen. Nur noch die Privilegierten mit höherem Einkommen würden sich dann durch Zusatzversicherungen oder als Selbstzahler eine optimale ärztliche Versorgung leisten können. Die Folge: "Dann bekommen wir eine echte Zwei-Klassen-Medizin."(ger)

Lesen Sie dazu auch:
Bürgerversicherung: SPD legt Ziele für Gespräche mit Union fest

Lesen Sie dazu auch:
KV Hamburg: "Appeasement bei Bürgerversicherung ist falsch"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Frauen schuld an "Männergrippe"?

Jammernde Männer mit Erkältung sind keine Weicheier, sie leiden tatsächlich stärker. Das liegt wohl am Testosteron. Und an Frauen, die testosterontriefende Männer bevorzugen. mehr »

Stammzellgesetz – Bremse für Forscher?

2002 gab es um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen eine hochemotionale Debatte. Heute ist der Pionier von ehedem mit dem Stand seiner Arbeit zufrieden. Doch nicht nur er fürchtet durch das Stammzellgesetz Nachteile für Forscher in Deutschland. mehr »

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »