Ärzte Zeitung online, 14.07.2017
 

Rückständig oder bodenständig

Ärzte faxen am liebsten

Ob bei der Kommunikation über Sektorgrenzen hinweg oder mit anderen Praxen: Die meisten Arztbriefe laufen nach wie vor übers Fax. Die Telematikinfrastruktur könnte hier tatsächlich eine sicherere Alternative bieten.

Die Mehrzahl der Ärzte greift zum Fax

Von wegen E-Arztbrief: Die Mehrzahl der Ärzte setzt noch immer auf das Fax zur Kommunikation.

© Nomad_Soul / stocka.dobe.com

In der Kommunikation zwischen Ärzten gibt es nach wie vor viele Medienbrüche. Das macht das Arbeiten mit Befund- oder Medikationsdaten von Fachkollegen nicht immer leicht. Vier Fünftel senden Arztbriefe an niedergelassene Kollegen via Fax.

Etwas mehr als 62 Prozent setzen zusätzlich noch auf den rein analogen Weg via Briefpost. Gerade einmal neun Prozent nutzen hierfür auch E-Mail-Dienste. Der elektronische Arztbrief (E-Arztbrief) ist hingegen erst bei rund vier Prozent im Einsatz.

Das zeigt eine gemeinsame Leserumfrage der Fachverlagsgruppe Springer Medizin, zu der auch die "Ärzte Zeitung" gehört, und der CompuGroup Medical (CGM), an der sich 513 Ärzte beteiligt haben.

Fast 70% nutzen Briefe

Bei der Kommunikation über Sektorgrenzen hinweg sieht es sogar noch schlimmer aus: Hier scheinen sich die Ärzte nämlich – wegen der fehlenden schnellen Kommunikationswege – eher beim Austausch der Daten zurückzuhalten.

So geben 64 Prozent an, sich mit Kliniken häufig via Fax auszutauschen. Fast 70 Prozent nutzen den traditionellen Postweg. Gerade einmal rund sechs Prozent stehen mit Kliniken im E-Mail-Verkehr, E-Arztbriefe an ein Krankenhaus versendet nur etwas mehr als ein Prozent.

Und das ist kein Problem ländlicher Regionen, in denen vielleicht die Infrastruktur mit schneller Internetanbindung fehlt. Ein Viertel der Umfrageteilnehmer kommt aus der Großstadt, über 19 Prozent sind in einer Mittelstadt niedergelassen und immerhin noch circa 28 Prozent in einer Kleinstadt. Lediglich 26 Prozent arbeiten in einer Praxis auf dem Land.

Ärzte wollen Patientenakte

Dabei zeigen sich die Ärzte den digitalen Medien gegenüber durchaus aufgeschlossen: Rund 40 Prozent geben an, dass sie gerne eine sektorübergreifende elektronische Patientenakte nutzen würden. 53 Prozent würden zudem gerne auf elektronische Notfalldaten zugreifen.

Nach weiteren Wünschen an die künftigen E-Health-Anwendungen der Telematikinfrastruktur (TI) gefragt, gaben mehrere Ärzte an, dass die elektronische Vernetzung mit Pflegeheimen hilfreich wäre.

Wie hier die TI– als einheitliche Datenautobahn im Gesundheitswesen – tatsächlich helfen könnte, die Medienbrüche zu überwinden, erklärt Andreas Koll, Leiter des Geschäftsbereichs Telematikinfrastruktur bei CGM, am Beispiel des E-Arztbriefes: "Der klassische Weg des ausgedruckten und per Post oder Fax versendeten Arztbriefes steckt voller Medienbrüche und möglichen Fehlerquellen. Praxen, die E-Arztbriefe sicher über die TI versenden, sparen sich die zeitfressenden administrativen Handgriffe und nach unseren Berechnungen damit im Schnitt ganze drei Arbeitstage im Quartal."

Faxen wird besser vergütet

Diese Zeitersparnis gleicht womöglich die bislang knapp bewertete Vergütung für den Versand elektronischer Arztbriefe aus. Der EBM bietet dem Sender nur 28 Cent. Für das Fax gibt es aber nach wie vor 55 Cent.

Die Königsdisziplin, die für 40 Prozent der Ärzte ein erstrebenswertes Ziel in der TI ist, ist die E- Patientenakte. "Das Einschränken von Doppeluntersuchungen schont nicht nur den Patienten, sondern auch unser Gesundheitswesen in Summe", so Koll.

Mit dem Online-Abgleich der Versichertenstammdaten stünden wir "erst ganz am Anfang der Möglichkeiten". Koll: "Wenn die Strukturen erst einmal geschaffen sind, wird die TI die Anwendungen nach vorne bringen, die Ärzten den Alltag erleichtern und die Patientenversorgung merklich und kontinuierlich verbessern: Über den Zugriff auf Vorerkrankungen, über den schnellen Austausch von aktuellen Befunden, den zeitnahen Erhalt von Entlassbriefen, den elektronisch geteilten Medikationsplan und den lebensrettenden Zugriff auf Notfalldaten."(reh)

Bestellmöglichkeit im Web

Ärzte, die frühzeitig den Anschluss an die TI wollen, finden auf der Website www.cgm.com/ wissensvorsprung neben umfangreichen Informationen um die TI jetzt auch eine konkrete Bestellmöglichkeit.

[04.10.2017, 13:30:54]
Ruth Ney 
Es fehlt an Knowhow zu Telematik und eHealth-Gesetz
Von Hans Peter Stöckl erreicht die Redaktion der "Ärzte Zeitung" folgender Leserbrief:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich interessiere mich sehr für das eHealth-Gesetz und die Telematikinfrastruktur.
Seit einiger Zeit lese ich mit großem Interesse die Ärztezeitung online.
Die beiden Kommentare der Herren Peter Tonn und Dr. Karlheinz Bayer haben mich doch sehr verwundert.
Noch mehr wundert mich, dass diese Beiträge unkommentiert seit 14.07.2017 da so stehen!!!

Zu Herrn Tonn:
Geld alleine hilft im Gesundheitswesen keinem und langfristig gesehen wird die Telematikinfrastruktur Geld sparen und zum Wohle der Patienten beitragen. Ich will keinen kaufmännisch denkenden Arzt, sondern eine allumfassende medizinische Versorgung!

Zu Herrn Dr. Karlheinz Bayer:
Hierzu meine Anmerkungen mit Blick auf das eHealth-Gesetz und die technischen Zusammenhängen der Telematikinfrastruktur.

No.1 Datenschutz:
Beim Faxen genügt ein Zahlendreher und das Fax landet irgendwo und unter Umständen merkt es sogar keiner.
Beim eArztbrief wird eine sichere Verbindung hergestellt!

No.2 Schnelligkeit:
„Elektronische Briefe muss man einscannen“ – System wohl nicht verstanden, kein Medienbruch, eArztbrief wird am PC geschrieben und an die Gegenstelle gesandt und ohne Umwege der Patientenakte zugeordnet, kein Papier im Spiel!
„Authentifizieren mit deinem elektronischen Arztausweis“ – richtig, dient der Sicherheit
„verschlüsseln“ – muss keiner tun, macht das System
„versenden“ – passiert mehr oder weniger mit Knopfdruck
„man muss sich entschlüsseln“ – keine Ahnung was das soll!
„einlesen“ – klar, der eArztbrief sollte vom Arzt gelesen werden, am PC in der Patientenakte
„ggf. ausdrucken“ – was soll das denn?
„ggf. löschen“ – werden Faxe auch „gelöscht“?

Prozedere aktuell:
Im Krankenhaus wird der Arztbrief geschrieben – ausgedruckt – Papier zum Faxgerät getragen – faxen – Papier abheften und aufheben – Fax kommt in Praxis an – Papier wird zur Mitarbeiterin getragen - eingescannt und der Patientenakte zugeordnet – Papier wird geschreddert. Hurra, es lebe die Steinzeit!!!

No.3 Das Geld: Diese neue Technik kostet Geld – keine Frage. Die ersten Faxgeräte waren schweineteuer. Es gab doch den Brief. Warum wurden, auch von Ärzten, Faxgeräte gekauft?

No. 4 „ …Arztbriefe Dokumente“: – eHealth-Gesetz lesen!!!

No. 5 „Kurzlebigkeit der IT-Industrie“: – richtig! Wir fahren alle nicht mehr mit der Postkutsche und schicken auch keine Brieftauben mehr.

„Daten unserer Praxis und unserer Patienten wirklich einer derartigen Technik anvertrauen?“ Der Patient legt fest, was auf der eGK gespeichert wird. Auch hier die Empfehlung, das eHealth-Gesetz aufmerksam zu lesen.
Frage: Wie versenden Sie Ihre Abrechnung? Doch nicht mit der Post oder?

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[15.07.2017, 17:34:15]
Peter Tonn 
Faxen geht auch ohne Drucken
Das Argument, dass das Faxen Zeit kosten würde, die man mit der teuren, von einem Monopolisten zwangsweise zu kaufenden TI sparen würde, vergisst, dass man mit nahezu jeder Praxissoftware auch aus derselben heraus faxen kann. Aber allein der Titel zeigt, was hier suggeriert werden soll.
Und selbst wenn es eine Minute länger dauern würde, als mit der zwangsweise eingeführten Telematik-Hardware zum Medizin-Aufpreis, es ist tatsächlich fast doppelt so hoch vergütet und mein Faxgerät kauf ich bei dem (der zahlreichen) Anbieter, der es mir am günstigsten bietet – mithin würde ich doch kaufmännisch gesehen ein Trottel sein, wenn ich die TI nutze, statt ein Fax zu schicken. Und wer predigt uns immer wieder den "Wettbewerb" im Gesundheitsbereich und das kaufmännische statt des ärztlichen Denkens und wer macht uns das auch immer wieder eindrucksvoll vor? Somit ist die Vorliebe für Faxen weder rückständig noch bodenständig sondern einfach nur entsprechend des politischen Willens ein aktives Handeln im Sinn des kaufmännischen Denkens im Gesundheitswesen. Ob das wirklich so gedacht war, bleibe dabei offen.  zum Beitrag »
[14.07.2017, 16:16:03]
Karlheinz Bayer 
never change a winning team?

Muß es "rückständig" oder "bodenständig" sein, oder ist es nicht ein Ausdruck von Pragmatismus, wenn die große mehrheit der Ärztinnen und Ärzte das Faxgerät dem elektronischen Arztbrief vorziehen?
Gründe gibt es hierfür einige.

No.1 ist vielleicht überraschen der Datenschutz. Ein Fax ist nur einer Handvoll Personen zugänglich, in der Regel nur dem Praxisteam des Senders und des Empfängers. Ganz anders beim elektronischen Arztbrief. Schon nicht mit kriminellen Absichten haben Personenn Zugriff, die man weder kennt noch zahlenmäßig einordnen kann (Provider, Krankenkassen, gesetzlichn erlaubt der Verfassungsschutz)

No.2 ist die Geschwindigkeit. Faxe sind nach ein paar Minuten dort angekommen, wo man sie haben will. Wenn jemand meint, elektronische Briefe seien schneller, ist das ein Irrtum: Faxe legt man auf das Faxgerät, wählt und sendet. Elektronische Briefe muß man einscannen, sich authentifizieren mit einem elektronischen Arztausweis, verschlüsseln, versenden, man muß sie entschlüsseln, einlesen, ggf. ausdrucken und ggf. löschen. Zeitverlust gegenüber dem Faxen mindestens um den Faktor 10.

No.3 ist das Geld. a) erstattet der EBM 55 Cent für das Fax und 28 für den elektronischen Brief, b) kostet der elektronische Arztausweis Gebühren, und zwar einmalig und immer wieder c) kosten die Konnektoren oder GUS-Boxen etc.erheblich mehr, nicht zu denken an die Softwareanpassung und Softwarepflege.

No.4 schließlich und endlich sind Arztbriefe Dokumente. Es sind keine elektronischen Dateien, sondern juristisch und medizinisch - genau genopmmen in Einzelfällen sogar irgendwann historisch bedeutende Originale.

No.5 wenn man dann noch an die Kurzlebigkeit der IT-Industrie denkt, kommt einem das Grausen. Wer von uns kann noch Daten auf Lochkarten nutzen? Wer von uns hat noch Rechner mit 5 1/4 Floppy-Laufwerk? Wer ein Laufwerk mit Standard HD-Disketten? Wir hatten MS-DOS, Windows 95, Windows 98, XP etc.
Ein Datenaustausch mit Geräten dieser Art wird zunehmend schwerer. Aber einen Arztbrief über Fax von 1980 kann man noch lesen ... übrigens auch geschriebene Texte von Hippokrates (sofern man des Griechischen mächtig ist).

Also, wollen wir die Daten unserer Praxis und unserer Patientzen wirklich einer derartigen Technik anvertrauen? Dann schon lieber boden- oder rückständig genannt werden.

Dr.Karlheinz Bayer

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