Ärzte Zeitung online, 10.09.2019

Rheinland-Pfalz

Krankenhaus-Initiative gegen Kinder-Rausch

In Rheinland-Pfalz werden Kinder und Jugendliche, die wegen Vollrauschs ins Krankenhaus eingeliefert wurden, noch auf der Station von Helfern besucht.

Von Anke Thomas

MAINZ. Saufen bis zum Umfallen – wenn alkoholisierte Kinder oder Jugendliche in ein Krankenhaus eingeliefert werden, kann das der erste Schritt in eine Suchtkarriere sein. Betroffene Eltern wissen dann oft nicht, wie sie mit derartigen Situationen umgehen sollen.

Das Suchtpräventionsprogramm HaLT (Hart am Limit) in Rheinland-Pfalz, das auf dem Kongress: „Gesundheit und Pflege auf Zukunftskurs – Ideen und Beispiele für die Versorgung“ in Mainz vorgestellt wurde, will Kinder, Jugendliche und Eltern mit zwei Bausteinen unterstützen.

Der proaktive Baustein von HaLT, erklärt Helga Müssenich, Leiterin Zentrum für ambulante Suchtkrankenhilfe (ZaS) der Caritas Koblenz, umfasst zum Beispiel Seminare zur Suchtprävention, Kontrollen zur Einhaltung von Jugendschutz bei der Alkoholabgabe, die Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Ordnungsamt sowie regionale Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit.

Programm „Hart am Limit“ hilft

Viel wichtiger für Kinder und Jugendliche, die wegen eines Rauschs in der Klinik landen, ist der reaktive HaLT-Baustein. Über eine Kooperation mit dem Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein, hier insbesondere mit der Kinderklinik des Krankenhauses Kemperhof sowie der Kinderstation des Elisabeth-Krankenhauses in Mayen, besuchen ZaS-Mitarbeiter direkt nach dem Ereignis betroffene Kinder oder Jugendliche in der jeweiligen Klinik.

Wird ein Jugendlicher unter 18 Jahren im komatösen Zustand nach Alkoholintoxikation in das Krankenhaus eingeliefert, informieren die Klinikärzte das ZaS. Bei Kindern unter 15 Jahren werden die Eltern informiert und auf das Beratungsangebot der ZaS hingewiesen.

Die ZaS bietet sowohl den Eltern als auch den Kindern – zusammen oder jeweils alleine – ein Beratungsgespräch an. Die Berater besuchen die Jugendlichen falls gewünscht direkt nach dem Ereignis in der Klinik – auch an Wochenenden - und versuchen herauszufinden, warum so viel getrunken wurde.

Manche schämen sich

„Wenn wir im Krankenhaus sind, haben die Jugendlichen in der Regel keine Kopfschmerzen mehr und sind relativ klar“, sagt Müssenich.

Manchen ist die Situation peinlich, manche schämen sich – vor allen Dingen, wenn sie noch die Kleidung vom Vorabend tragen oder gar Pampers anhaben. Andere finden das Ganze aber auch richtig cool.

In den Gesprächen arbeiten die Berater den Vorfall auf, ermutigen dazu, das Ereignis in der Gruppe zu reflektieren und machen auf die gesundheitlichen Risiken von erhöhtem Alkoholkonsum aufmerksam.

Außerdem werden Regeln für einen risikoarmen Alkoholkonsum erarbeitet. Weitere Gesprächsangebote – auch mit Freunden oder anderen Betroffenen – können auf Wunsch von den Kindern und Jugendlichen in Anspruch genommen werden.

Neue Abrechnung

Bis 31. Juli wurden die Kosten für die Einsätze im HaLT-Angebot über eine Rahmenvereinbarung von gesetzlichen Krankenkassen in Rheinland-Pfalz getragen.

Seit 1. August hat sich das Verfahren geändert, sagt Müssenich. Die Rechnungsstellung erfolgt nicht mehr direkt an die Kassen, sondern geht an die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz.

Noch ist die Abrechnung nicht ganz klar, sagt Müssenich. Vorteil seit 1. August ist, dass auch HaLT-Einsätze bei Privatversicherten übernommen und die Beratungsangebote nicht mehr nur bis zum 18. sondern bis zum 21. Lebensjahr erstattet werden.

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