Apotheker plus, 28.10.2011

Ein Prosit der Gesundheit!

Es gab Zeiten, da wurde dem Wein eine große, geradezu magische Heilkraft zugeschrieben. "Weinärzte" verordneten regelrechte "Weinkuren". Folgerichtig wurde Wein in Apotheken auch auf Rezept ausgegeben.

Von Ursula Armstrong

Ein Prosit der Gesundheit!

Heute kaum noch vorstellbar: Heilkuren mit Wein.

© Brian Jackson / fotolia.com

Bereits vor 8000 Jahren wurde Wein gekeltert, erstmals offenbar im Südkaukasus. Auch medizinisch wurde Wein schon vor langer Zeit genutzt. Eines der ältesten entsprechenden Dokumente stammt aus der Zeit der Sumerer, um 2200 vor Christus: Auf einer Tontafel hat ein Arzt in Keilschrift ein Rezept notiert, das Wein enthält.

Wein gegen verschiedene Krankheiten

Auch die alten Ägypter behandelten Kranke mit Wein, etwa bei Rheuma oder Wunden. Vor allem nutzten sie Wein als Lösungsmittel. Sie versetzten den Wein mit Heilkräutern - so, wie das ja auch heute noch häufig gemacht wird.

Hippokrates (etwa 460 bis 370 vor Christus) setzte Wein ebenfalls therapeutisch ein: als Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Schmerzmittel, zur Wundbehandlung, bei Augenkrankheiten und Darmerkrankungen. Der römische Arzt Galenus (etwa 129 bis 199 nach Christus) schätzte Wein vor allem als Antiseptikum bei Hautentzündungen, Wunden oder Verbrennungen.

Seit dem Mittelalter Wein als Heilmittel

Die große Zeit der Therapie mit Wein begann im Mittelalter. In den Spitälern bekamen die Kranken den Wein literweise zugeteilt. Und diese Praxis blieb zum Ende des 19. Jahrhunderts bestehen. Mitunter artete das aus: So ist aus dem Städtchen Beaune in Burgund ein mittelalterlicher Erlass bekannt, nach dem jedem Kranken täglich sieben Liter Wein zustanden.

Tipp

Ein Heilwein zur Anregung der Verdauung bei Völlegefühl, Magenschmerzen, Erkältungen, Erschöpfungszuständen, Schlafstörungen sowie nervösen Herz-KreislaufBeschwerden ist zum Beispiel Holunderblütenwein.

Rezept: Man nehme 2 Tassen frisch gerebelte Holunderblüten oder 1 Tasse getrocknete Blüten und 1 Liter Wein. Blüten und Wein werden in ein Ansatzgefäß gegeben. Das Gefäß gut verschlossen an einen warmen Platz stellen und häufig schwenken oder umrühren. Nach 2 Tagen wird die Flüssigkeit in dunkle Flaschen gefiltert.

Anwendung: drei- bis viermal täglich 1 Schnapsglas zwischen den Mahlzeiten. (ug)

Im 18. und 19. Jahrhundert genoss der Wein als Medikament bei deutschen Ärzten ein extrem hohes Ansehen, berichtet der Journalist und Weinexperte Elmar M. Lorey. Weintherapie  - oder wissenschaftlich "Oinotherapie" - sei eine Alltäglichkeit gewesen.

1753: Kompendium "Weinarzt"

Wein, vor allem Rheinwein, galt als unverzichtbares Heilmittel gegen viele Krankheiten und zur allgemeinen Prophylaxe. 1753 erschien das mehr als 100 Seiten dicke Kompendium "Weinarzt". Darin gab es Wein-Rezepte für alle erdenklichen Krankheiten und Störungen, von Obstipation und Fieber bis zu Gedächtnisproblemen.

In seinem "Handbuch der praktischen Arzneimittellehre für Aerzte und Wundärzte" von 1803 schrieb Professor Ernst Horn (1774 bis 1848) aus Halle sogar, Wein sei "die wirksamste Arznei überhaupt".

Ein richtiger Weinarzt war Ferdinand von Heuss (1848 bis 1924). Er war nicht nur praktizierender Arzt, sondern außerdem Winzer und betrieb, so Lorey, in Bodenheim bei Mainz "ein florierendes Weingut". Mit Wein heilte er zum Beispiel eine Winzersgattin, die so stark an einer "septischen Gebärmutterentzündung" erkrankt war, dass die Ärzte-Kollegen sie schon aufgegeben hatten.

Weinkur war ein Erfolg

Sechs Wochen lang bekam die Patientin insgesamt 120 Flaschen von Heuss‘ Bodenheimer Weinen der Jahrgänge 1868, 1875, 1895 und 1897, wie der Winzer-Arzt genau verzeichnete. Die Weinkur war ein Erfolg und die Patientin geheilt.

Heuss behandelte sich auch selbst auf diese Art: Gegen seinen schweren Typhus trank er 80 Flaschen des 1868er Jahrgangs aus seinem Weinkeller - und lebte fortan noch weitere 40 Jahre.

Ein Prosit der Gesundheit!

© foodinaire / fotolia.com

Andere Weintherapeuten nutzten nicht nur die Jahrgänge, sondern sogar die Lagen ganz spezifisch: Der Arzt und Winzer Stephan Oellers (1832 bis 1908) aus Assmannshausen verordnete etwa den "Assmannshäuser Höllenberg" bei Magenleiden, den "Schloßberg" bei Erkältung und den "Kiedricher Gräfenberg" bei Niedergeschlagenheit.

Wein vom Rhein galt als heilsam

Der Wein vom Rhein galt in ganz Deutschland als besonders heilsam. Professor Friedrich Hoffmann (1660 bis 1742) aus Halle, Leibarzt zweier preußischer Könige und Erfinder der berühmten "Hoffmanns-Tropfen", machte den Rheingauer Wein am preußischen Hof populär.

Die von ihm propagierte Weinkur dauerte fünf Wochen und begann mit der Anfangsdosis von 1,6 Litern pro Tag, nur leicht mit Wasser vermischt.

Medizinische Weine gab es auf ärztliches Rezept, das in jeder Apotheke eingelöst werden konnte. Noch 1892, so Lorey, wandte sich die Ortskrankenkasse Heidelberg an den Schwetzinger Hofapotheker Fr. Durand: Er möge doch bitte ein Depot anlegen für die "Abgabe von Weiß- und Rothwein an unsere erkrankten Kassenmitglieder".

Mitte des 19. Jahrhunderts war Schluss mit Wein und Heil-Zauber

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Schluss mit der Weintherapie und ihren Exzessen. Denn Louis Pasteur (1822 bis 1895) nahm dem Wein den Heil-Zauber, als er als erster die Geheimnisse der alkoholischen Gärung aufklärte.

Wein gilt zwar immer noch als gesund, aber nur, wenn er in Maßen genossen wird. Das ist ganz im Sinne von Hippokrates, der sagte: "Der Wein ist ein Ding, in wunderbarer Weise für den Menschen geeignet, vorausgesetzt, dass er - bei guter und schlechter Gesundheit - sinnvoll und in rechtem Maße verwandt wird, übereinstimmend mit der Verfassung der einzelnen Person."

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