Apotheker plus, 28.10.2011

Schmerz lass nach - ohne Rezept

Die Art der Beschwerde - Schmerzen im Gelenk oder doch eher in der Muskulatur - bedingt, was Betroffenen am besten geraten werden kann. In jedem Fall ist kurzzeitig Selbsthilfe möglich.

Von Ruth Ney

Schmerz lass nach - ohne Rezept

Verspannungen sind ein verbreitetes Problem

© Robert Kneschke / fotolia.com

In einer repräsentativen Forsa Umfrage im vergangenen Jahr gab jeder fünfte Befragte an, täglich Beschwerden zu haben, jeder sechste klagte über Beschwerden mehrmals im Monat - vor allem im Rücken und Nackenbereich.

Ursache können bekanntlich sowohl muskuläre Dysbalancen als auch degenerative Erscheinungen an den Gelenken sein. Viele Betroffene neigen dann dazu, gegen die Schmerzen erst einmal selbst etwas zu unternehmen und in der Apotheke um Rat zu fragen.

"Eine Selbstmedikation ist zum Beispiel bei akuten Schüben einer Arthrose durchaus möglich", so der Schmerzexperte Dr. Gerhard Müller-Schwefe aus Göppingen. Er rät betroffenen Patienten in Eigenregie verschreibungsfreie Schmerzmittel dann aber nicht länger als sieben bis zehn Tage einzunehmen, ohne dass mögliche Risiken und Nebenwirkungen überprüft würden.

Bei muskulären Beschwerden ist Wärme wichtig

Das gelte vor allem für Risikopatienten mit kardialen oder vaskulären Problemen sowie für Patienten mit Magenproblemen. In der Apotheke muss daher gezielt nach vorliegenden Grunderkrankungen gefragt werden.

Bei muskulären Verspannungen würde Müller-Schwefe die Selbstmedikation mit Schmerzmitteln sogar auf zwei bis drei Tage beschränken. Trete innerhalb dieser Zeit keine merkliche Besserung ein, sollte ein Gang zum Arzt angeraten werden.

"In erster Linie kommen bei muskelbedingten Beschwerden, die die Mehrzahl der Schmerzen am Bewegungsapparat ausmachen, nichtpharmakologische Maßnahmen wie Bewegung und Wärme zum Einsatz", so Müller-Schwefe.

Reichten diese Maßnahmen nicht, würden pharmakologische Substanzen verwendet, die dann meist auch verschreibungspflichtig seien, wie etwa Flupirtin. Zur kurzfristigen schmerzlindernden Selbstmedikation empfiehlt der Schmerzexperte vorrangig Paracetamol, da es nicht in die Gerinnung eingreife.

Sei explizit eine entzündungshemmende Wirkung gewünscht, etwa bei einer bekannten degenerativen Gelenkerkrankung, seien Ibuprofen und Naproxen ideal. Diclofenac sollte nach seiner Auffassung möglichst unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden, da es nach seinen Erfahrungen darunter häufig zu Transaminaseerhöhungen kommt.

Prinzipiell seien zwar orale Schmerzmittel am effektivsten, eine vernünftige Alternative seien dennoch auch topische Therapeutika.

"Sie haben unter anderem den Vorteil, dass man bei der Applikation manipulativ tätig wird. Auch das ist therapeutisch wirksam" so der Schmerzexperte. Im Falle von Gelenkerkrankungen können zum Beispiel Salben mit NSAR angewendet werden, mit denen nachweislich Wirkstoff ins Gewebe transportiert wird.

Wirkstoffpflaster und Phytopharmaka als Option

Bei Muskelschmerzen sind eher Wärmesalben empfehlenswert. Salben mit Capsaicin seien dabei durch die lokale hyperämisierende Wirkung, die nicht nur auf die Haut beschränkt sei, zwar manchmal etwas schmerzhaft für die Patienten, dafür aber am effektivsten.

"Das ist in gewisser Weise eine Reflexzonentherapie, denn über diesen Reiz wird auch das vegetative Nervensystem mit beeinflusst", erläutert Müller-Schwefe. Alternativ zu Salben stehen auch wirkstoffhaltige Pflaster sowohl mit Diclofenac als auch Nonivamid oder Capsaicin zur Verfügung.

Ein guter, lang anhaltender Wärmeeffekt ist zudem mit Wämepacks mit Eisenpartikeln oder mit Fangopackungen möglich. Auch mit wiederverwendbaren Wärmepackungen hat Müller-Schwefe gute Erfahrungen gemacht.

Für Patienten, die Phytotherapeutika bevorzugen, sind außerdem Präparate mit Teufelskralle eine Option. Hier gibt es Untersuchungsdaten sowohl zum Nutzen bei Gelenk- als auch bei muskulären Beschwerden.

Wichtig ist dabei, die Patienten darauf hinzuweisen, dass es mindestens eine Woche dauert, bis ein merklicher Effekt auftritt. Eine pflanzliche topische Alternative für beide Patientengruppe sind darüber hinaus Zubereitungen mit Beinwell. Hier konnten zum Beispiel in Ergänzung zur physikalischen Therapie gute Effekte bei verspannungsbedingten Beschwerden der Halsmuskulatur erzielt werden.

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