Apotheker plus, 16.12.2011

Sechs Prinzipien, um trotz Demenz das Therapieziel zu erreichen

NEU-ISENBURG (ner). Indikationen und Arzneiverordnungen müssen regelmäßig auf Sinnhaftigkeit geprüft werden.

Die Multimorbidität von geriatrischen Patienten führt geradezu zwangsläufig zu Konflikten der zu erreichenden Behandlungsziele. Ein Beispiel: Es gilt als recht gut belegt, dass die adäquate antihypertensive Therapie das Risiko für eine Demenzerkrankung reduziert, weshalb die strenge Blutdruckkontrolle empfohlen wird.

Andererseits können orthostatische Hypotonien Stürze mit gravierenden Folgen für den Patienten provozieren.

Der Geriater Privatdozent Daniel Kopf aus Hamburg hat gerade auch für den Umgang mit Demenzpatienten, die meist viele weitere Komorbiditäten aufweisen, sechs Handlungsprinzipien definiert, die helfen können, derartige Zielkonflikte zu lösen:

Die Indikation zur medikamentösen Therapie der Begleiterkrankungen muss stadienabhängig stets neu bewertet werden. So kann zum Beispiel bei Diabetes mellitus die antidiabetische Medikation, nicht zuletzt wegen des Gewichtsverlusts, reduziert oder vereinfacht werden.

Befristet indizierte Medikamente müssen regelmäßig überprüft und nach Wegfall der Indikation abgesetzt werden. Werden etwa aktuell keine nichtsteroidalen Analgetika mehr verabreicht, braucht es auch keinen Magenschutz mehr.

Nutzen und Risiken müssen im Verlauf der Erkrankung neu gewichtet werden.

Indikationen und Therapieziele müssen regelmäßig neu hierarchisiert werden. So verlieren sekundärprophylaktische Erwägungen mit zunehmendem Alter und mit fortschreitender Demenz im Vergleich zur aktuellen Symptomkontrolle an Bedeutung.

Es sollten Arzneimittel mit altersgerechter Pharmakokinetik und mit geringem Interaktionspotenzial bevorzugt werden. Besonders berücksichtigen muss man hierbei hepatisch metabolisierte Arzneimittel. Medikamente mit retardierter Wirkung haben Vorteile.

Bevorzugt angewandt werden sollten Medikamente mit altersgerechter Darreichungsform und Wirkdauer.

Patienten und ihr Umfeld durch die "geriatrische Brille" wahrnehmen

Gerade Offizin-Apotheker verfügen über reichlich Erfahrung mit Senioren und ihren Problemen in Bezug auf die Pharmakotherapie. Geht es allerdings um das Fehler- und Risikomanagement hochbetagter Menschen, sei Spezialwissen gefragt, sagt Apotheker Frank Hanke, Geschäftsführer der GeroPharmCare GmbH in Köln.

Außer klinisch-geriatrischen und klinisch-pharmakologischen Fähigkeiten brauche es spezifische gerontologische Kenntnisse zum Lebensumfeld von Senioren, zu Senioren-betreuenden Einrichtungen und Netzwerken sowie psychologisch-kommunikative Fähigkeiten.

Dieses Wissen können sich Apotheker in der 120-stündigen Weiterbildung Geriatrische Pharmazie aneignen. "Man lernt dort Dinge, die sich direkt in der Offizin anwenden lassen", sagt Hanke, zum Beispiel, wie man strukturiert arzneimittelbezogene Probleme in der Praxis erfasst. Man sehe danach durch eine "geriatrische Brille" auf die Patienten und ihr Umfeld.

Außer theoretischem Unterricht umfasst die Weiterbildung auch Studienarbeiten und ein Praktikum in einer Pflegeeinrichtung. Die Apothekerkammern haben sich bundesweit auf einen einheitlichen Themenkatalog für die Seminare verständigt.

Voraussetzung ist eine mindestens zwölfmonatige Vollzeittätigkeit an einer geeigneten Einrichtung, in der Regel eine öffentliche Apotheke mit Heimversorgung oder auch eine Krankenhausapotheke.

Das Pendant für Ärzte ist die Fortbildungsqualifikation "Hausärztliche Geriatrie", wie sie etwa die Landesärztekammern in Zusammenarbeit mit berufsständischen Organisationen anbieten. Dort geht es unter anderem um das Erlernen eines geriatrischen Assessments, spezifische Gesundheitsprobleme des geriatrischen Patienten, physio- und ergotherapeutische sowie logopädische und prothetische Maßnahmen sowie ethische Fragen.

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