Ernährung, 16.04.2009

Betriebsärzte gehen Problem Adipositas an

Wer schwer arbeitet, muss viel und gehaltvoll essen. Diese alte Lebensweisheit befolgen immer noch zu viele Beschäftigte. Die Folge: Viele leiden unter Adipositas. Die Betriebsmediziner des Hüttenwerkes Krupp Mannesmann in Duisburg-Huckingen versuchen gegenzusteuern.

Von Anja Krüger

Betriebsärzte gehen Problem Adipositas an

Das Essen in einer Werkskantine soll den Beschäftigten nicht nur schmecken, sondern auch gesund sein.

Foto: dpa

Das Betriebsarztzentrum des Werks befindet sich wenige Meter vom Haupteingang des Hüttenwerks, die Beschäftigten können es mit derselben Straßenbahn erreichen wie ihren Arbeitsplatz. Die Mediziner sehen die rund 8000 Mitarbeiter, darunter 3000 klassische Industriearbeiter, regelmäßig in ihrer Sprechstunde.

Denn die Beschäftigten müssen an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, bei denen die Ärzte nach arbeitsbedingten Beeinträchtigungen suchen. "Wir sehen die Mitarbeiter in der Regel alle drei Jahre, die über 50-Jährigen sogar einmal im Jahr", berichtet Dr. Wolfgang Panter, Leiter des Betriebsarztzentrums der Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg-Huckingen.

Immer mehr Beschäftigte sind übergewichtig oder adipös

Betriebsärzte gehen Problem Adipositas an

Dr. Wolfgang Panter leitet das Betriebsarztzentrum.

Foto: akr

Für die fünf Mediziner des Zentrums sind die Untersuchungen eine gute Gelegenheit, den Ernährungszustand der Arbeiter und Angestellten in Augenschein zu nehmen. Das Ergebnis ist erschreckend. "20 bis 25 Prozent der Auszubildenden haben einen Body-Mass-Index über 30, sind also adipös", berichtet Panter. Vor kurzem kam sogar ein junger Patient mit einem BMI von über 40 zu ihm. Ein Drittel der Belegschaft leidet unter Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Gicht oder Adipositas. Panter, der auch Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte ist, wünscht sich, dass die Allgemeinmediziner dem Problem Übergewicht mehr Beachtung schenken.

Gewichtsprobleme treten bei Akademikern ebenso wie bei Arbeitern auf. Wichtig ist die richtige Ansprache des Problems in der Sprechstunde. "Einen Dr. Ing. muss man anders ansprechen als einen Industriearbeiter", sagt Panter. Manchmal bestehen zwar auch sprachliche Probleme bei Beschäftigten etwa mit türkischem Migrationshintergrund, aber in dieser Gruppe gibt es aufgrund der mediterranen Ernährungsgewohnheiten eher wenige Übergewichtige.

Gute Worte allein helfen meistens nicht, die Ärzte bieten den Mitarbeitern konkrete Hilfen an. Dazu arbeiten sie unter anderem mit der Betriebskrankenkasse der Hüttenwerke zusammen, der BKK Mannesmann, die vor kurzem in der "BKK vor Ort" aufgegangen ist. Leiden Arbeiter oder Angestellte unter Übergewicht oder Problemen wie Fettstoffwechselstörungen, können sie bei Experten der BKK, etwa Ernährungsberaterinnen, Rat einholen.

Eine Geschäftsstelle liegt in direkter Nachbarschaft des Betriebsarztzentrums. Die Ärzte machen auf Kurse aufmerksam, die dort stattfinden, und vermitteln Termine. "Wir arbeiten auch mit anderen Krankenkassen zusammen, zum Beispiel der AOK", sagt Panter. Bei stark ausgeprägter Adipositas verweisen die Mediziner die Mitarbeiter an ein nahe gelegenes Krankenhaus mit einem entsprechenden Behandlungszentrum.

Die Betriebsärzte haben eine Selbsthilfegruppe initiiert

Panter und seine Kollegen haben die Initiative zur Gründung einer Selbsthilfegruppe für Beschäftigte mit Adipositas ergriffen. Der Erfolg der Teilnehmer ist sehr unterschiedlich, berichtet der Betriebsmediziner. Manche haben stark abgenommen, andere immerhin ihr Gewicht gehalten. "Auch das kann schon ein Erfolg sein." Dieses Angebot wird eher von Angestellten mit einem hohen Bildungsgrad angenommen. Die Mitglieder treffen sich im Betriebsarztzentrum und können dort den großen Fitnessraum im Keller nutzen. Auch andere Gruppen, beispielsweise Beschäftigte mit Herz-Kreislauf-Problemen, trainieren hier.

Die Nutzer bekommen von einem Trainer einen individuellen Trainingsplan. Sie sollen an den Sport herangeführt und dafür begeistert werden. "Wir wollen einen Anstoß geben", sagt Panter. Im Werk gibt es auch eine Reihe von Angeboten für sportliche Aktivitäten. "Aber diejenigen, die an so etwas teilnehmen, sind ohnehin sportlich."

Viele Belegschaftsmitglieder ernähren sich zu kalorienhaltig, weil sie nicht kochen können. "Immer mehr Beschäftigte sind Singles", berichtet Panter. Männer haben häufig nie gelernt, eine Mahlzeit zuzubereiten. Für diese Gruppe gab es erstmals im vergangenen Jahr einen speziellen Kochkurs. In der Küche des Betriebsarztzentrums bereiteten Mitarbeiter unter Anleitung Obst und Gemüse zu. Die Aktion stieß auf große Resonanz und wird wiederholt. "Wichtig ist ein pragmatischer Ansatz", betont Panter. Beispielsweise wird in den Kursen Tiefkühlgemüse verarbeitet. Auf diese Weise wollen die Veranstalter es den Teilnehmern so leicht wie möglich machen, die Gerichte zu Hause nachzukochen.

Auch bei der Nahrungsaufnahme im Werk möchten die Ärzte Weichen stellen. Die Köche der "Hüttenschenke" genannten Werkskantine sind offen für die Anregungen der Mediziner. "Wir achten schon darauf, dass die Ernährung gesund ist", sagt Koch Michael Uedelhoven. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. In der Hüttenschenke nehmen am Tag nur etwa 360 Personen ihr Mittagessen ein. "Die Küche muss auch das anbieten, was die Beschäftigten nachfragen", sagt Panter. Schmeckt es den Arbeitern und Angestellten nicht, gehen sie möglicherweise schnurstracks in die nächste Imbissbude.

Es gibt Angebote für eine gesunde Ernährung

"Es gibt viele nette, positive Aktionen", sagt Panter. "Aber man sollte die Tiefenwirkung nicht so hoch einschätzen." Denn bei allem Engagement der Betriebsmedizin für eine gesund ernährte Belegschaft - Panter und seine Kollegen wünschen sich mehr Unterstützung von Politik und Gesellschaft. "Wir können uns nicht gegen den gesellschaftlichen Trend stemmen", sagt Panter. Und der gehe bei der Ernährung nach wie vor in die Richtung: Masse statt Klasse. Würde er sich umkehren, wäre für die Betriebsärzte viel gewonnen, ist Panter überzeugt.

Wie viel die gesellschaftliche Stimmung bewirken kann, so Panter, zeigt der Kampf gegen das Rauchen. Noch vor zehn Jahren haben die Betriebsärzte erfolglos versucht, das Rauchen im Werk einschränken. Panter: "Heute ist es selbstverständlich, dass im Werk nicht geraucht wird."

AUF EINEN BLICK

Betriebsarztzentrum der Hüttenwerke Krupp Mannesmann

Das Betriebsarztzentrum betreut rund 8000 Mitarbeiter aus dem Hüttenwerk in Duisburg-Huckingen und weiteren Betrieben des ThyssenKrupp Konzerns in der Umgebung. In dem Zentrum arbeiten drei Arbeitsmediziner, zwei Ärzte in Weiterbildung, acht medizinisch-technische Assistentinnen und Arzthelferinnen sowie zwei Physiotherapeuten.

Stand früher der Schutz vor Berufskrankheiten im Mittelpunkt, geht es heute vor allem um die Gesunderhaltung. Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem die Wiedereingliederung von Beschäftigten nach langer Krankheit und das wichtige Thema Ernährung. Denn immer mehr Arbeiter und Angestellte leiden unter Übergewicht und Adipositas. Das kann zu Problemen in der Berufsausübung führen, etwa wenn Beschäftigte schwere Atemschutzgeräte tragen müssen, das aber aufgrund ihres Gewichts nicht können. (akr)

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