Ernährung, 15.07.2009

Kaum einer profitiert von Alkohol

Die positiven Wirkungen eines moderaten Alkoholkonsums werden intensiv diskutiert. Dabei werden die negativen Folgen häufig völlig ausgeblendet.

Von Uwe Groenewold

Kaum einer profitiert von Alkohol

9,9 Liter reinen Alkohol konsumierte jeder Einwohner im Jahr 2007 nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Foto: LVDESIGN©www.fotolia.de

Alkohol hat großes Suchtpotenzial und schädigt fast jedes Organ und jedes Gewebe. Risikofaktoren für alkoholische Lebererkrankungen sind vor allem die tägliche Alkoholmenge, aber auch das Trinkmuster: Regelmäßiges Trinken führt eher zu Leberzirrhose oder Krebs, sporadisches Trinken großer Mengen, wie etwa in Finnland üblich, zum kardiovaskulären Tod. Neben genetischen Faktoren und dem Geschlecht spielt auch das Körpergewicht eine Rolle: Untergewichtige, aber auch Übergewichtige haben ein erhöhtes Risiko für alkoholische Lebererkrankungen. Das erklärte Professor Helmut K. Seitz, Klinik Salem Heidelberg, bei einer Veranstaltung des Instituts Danone für Ernährung in Hannover.

Bei einer alkoholischen Lebererkrankung entsteht fast immer eine Fettleber, aus der sich bei bis zu 20 Prozent der Patienten eine alkoholinduzierte Steatohepatitis (ASH) entwickelt. Einige von ihnen erkranken wiederum an einer Zirrhose. Besonders Frauen entwickeln schon bei niedrigen Alkoholdosen eine Leberzirrhose, etwa bei dauerhaft konsumierten drei bis vier alkoholischen Getränken pro Tag. Auch das Fortschreiten der alkoholischen Hepatitis zur Zirrhose verläuft bei ihnen deutlich ausgeprägter als bei Männern. Seitz: "Selbst wenn Frauen aufhören zu trinken, geht die Hepatitis häufiger in eine Zirrhose über als bei abstinenten Männern."

Intensiv diskutiert wird der kardioprotektive Nutzen von regelmäßigem, moderatem Alkoholkonsum. Die Schlüsse, die aus großen epidemiologischen Studien getroffen werden, seien zum Teil nicht korrekt, erläuterte Seitz. "Alkohol steigert zwar das HDL-Cholesterin, vermindert die Adhäsivität der Blutplättchen und verbessert die Rheologie, was zu einer verbesserten koronaren Durchblutung führt. Hiervon profitieren jedoch nur ältere Patienten über 65, die mehr als ein koronares Risiko haben oder bei denen bereits ein Herzinfarkt stattgefunden hat." Jüngere Menschen haben keinen Nutzen, ihre Mortalitätsrate steigt mit zunehmender Alkoholmenge linear an.

Mindestens zwei Tage ohne Alkohol in der Woche

Inwieweit die antioxidativen Substanzen im Wein wie Resveratrol für die Kardioprotektion verantwortlich sind, ist ungeklärt. Solche Substanzen, so Seitz, befinden sich ebenfalls in Traubensaft oder grünem Tee, sodass es deshalb nicht notwendig wäre, Alkohol zu trinken. Er vermutet vielmehr, dass Weintrinker per se gesünder leben als Bier- oder Schnapstrinker. Eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie, in der drei Millionen Supermarkt-Kassenzettel ausgewertet wurden, hat gezeigt, dass Weintrinker häufiger Obst und Gemüse und andere gesundheitsfördernde Lebensmittel zu sich nehmen als andere (BMJ, 332, 2006, 519).

Die risikoarme Schwellendosis im Umgang mit Alkohol liegt nach Angaben von Seitz beim gesunden Mann bei 20 bis 24 Gramm pro Tag; das entspricht einem Viertel Liter Wein. Für Frauen gilt die Hälfte, also 10 bis 12 Gramm pro Tag. Trotzdem sollten aufgrund des Suchtpotenzials mindestens zwei Tage in der Woche alkoholfrei bleiben. Am Arbeitsplatz, während Schwangerschaft oder Stillzeit, im Straßenverkehr oder unter Medikamenteneinnahme sei absolute Karenz erforderlich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »

ernährung

Das Special "ernährung" will Sie mit Beiträgen zu einem Themenschwerpunkt und Hintergrundinformationen in Ihrer täglichen Arbeit unterstützen.

Themen der aktuellen Ausgabe vom 15. Juli 2009: