Ernährung, 15.07.2009

Karnivore Kerle und grüne Girls?

Warum ernähren sich Frauen eigentlich anders als Männer? Darauf versucht die Gender- Forschung eine Anwort zu geben.

Karnivore Kerle und grüne Girls?

Fleisch für den Mann, Salat für die Frau: welche Erklärung gibt es dafür?

Foto: sth

Von Friedhelm Mühleib

Dank der Wissenschaft von der sozialen Bestimmtheit der Geschlechter wissen wir inzwischen, wie verschieden Männer und Frauen sind. Die Schwäche des starken Geschlechts für den "Strammen Max" und die Lust der Frauen auf den süßen "Crêpe Suzette" ließe sich demnach genauso geschlechtsspezifisch erklären wie die Tatsache, dass Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können. Gender führt auch die Unterschiede im Ernährungsverhalten auf gesellschaftliche Ursachen zurück. "Essen macht Geschlecht, denn mittels Essen werden Geschlechterrollen zum Ausdruck gebracht", konstatiert die Hohenheimer Soziologin und Genderforscherin Dr. Jana Rückert-John.

Warum Obst und Gemüse weibliche Speisen sind

Gender versteht Geschlecht nicht als naturgegebenen biologischen Unterschied, sondern als vorwiegend kulturelle Kategorie, die in sozialen Interaktionen immer wieder neu hergestellt werden muss. Demnach wären auch die Unterschiede im Verzehrsverhalten keinesfalls genetisch gegeben. Zumindest nach Ansicht der Gender-Forscher dienen sie vielmehr in erster Linie der sozialen Inszenierung von "Mannsein" und "Frausein". "Entsprechend der Geschlechterrollenerwartungen gilt zum Beispiel, dass Obst und Gemüse schwache Nahrung sind und darum dem Weiblichen zur Seite stehen, Fleisch und Alkohol als starke Nahrung entspricht dem Männlichen", kommentiert Rückert-John.

Auch die Kieler Soziologin Dr. Monika Setzwein stellt mit Blick auf typisch "männliche" und "weibliche" Speisen fest, dass sich diese entlang einer Achse von "starker" und "schwacher" Nahrung einordnen lassen: "Die als weiblich geltenden Speisen wie Quark, Obst, Salat, Gemüse oder süße Desserts sind vor allem durch ihre Milde und Leichtigkeit gekennzeichnet. Sie gehören dem Spektrum der als ‚schwach‘ bezeichneten Nahrung an", folgert Setzwein. Entgegengesetzt verhält es sich demnach mit den typisch ‚männlichen‘ Speisen. Sie erfordern, beispielsweise im Fall von Fleischgerichten, eher "Biss" und lassen sich als "starke" Nahrung mit anderen männlichen Attributen wie scharf, herb oder stark gewürzt charakterisieren.

Während die Männer bei ihren kulinarischen Entscheidungen in der Mehrzahl alleine ihrem persönlichen Geschmack folgen, begleitet den Genuss der Frauen meist ein schlechtes Gewissen. Denn Genuss birgt immer die Gefahr der Gewichtszunahme und könnte damit zu einem Verlust an Attraktivität führen. Um den angesagten Körpernormen zu entsprechen, essen und trinken Frauen deutlich gezügelter und kontrollierter als Männer.

Tatsächlich bestätigen die Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie (NVS II) des Max Rubner-Instituts in Karlsruhe, dass Frauen mehr Obst und Gemüse, Männer dagegen mehr Fleisch und Alkohol zu sich nehmen. Bei näherem Hinschauen sind die Unterschiede zumindest bei der Frauen zugeschriebenen Vorliebe für Gemüse jedoch geringer, als das Vorurteil erwarten ließe: Die Differenz von lediglich 20 Gramm entspricht gerade einmal einem Radieschen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist übrigens auch auf den real existierenden kleinen Unterschied zwischen den Geschlechtern hin, die Unterschiede im Ernährungsverhalten zwingend biologisch begründen. Demnach müssen Männer sogar anders essen als Frauen. Aufgrund geringerer Muskel- und größerer Körperfettmasse verbrauchen Frauen pro Stunde nur 55,8 Kilokalorien, Männer hingegen 72,5 Kilokalorien. Daraus ergibt - ausgehend von gleichem Körpergewicht - ein täglicher Mehrbedarf des Mannes an Energie von ungefähr 400 Kilokalorien.

Gender hin oder her: aus ernährungsphysiologischer und medizinischer Sicht ernähren sich Frauen vernünftiger und gesünder als die Männer. Entsprechend niedriger ist auch ihr Anteil an den Übergewichtigen. Wie weit der vergleichsweise unvernünftigere Ernährungsstil der Männer zu deren geringerer Lebenserwartung beiträgt, dürfte ein Thema für künftige Untersuchungen sein. Dass hier Lebensstilfaktoren und darunter auch die Ernährung ausschlaggebend sind, ist sicherlich schon heute unbestreitbar.

In der "virtuell orientierten Unisex-Gesellschaft der Zukunft" könnten sich die Geschlechterdifferenzen beim Essen und Trinken nach Meinung des Bonner Kulturwissenschaftlers Dr. Günther Hirschfelder allerdings zunehmend verwischen. Allerdings leider nicht, weil alle auf die Ratschläge der Präventologen und der DGE hören und sich fürderhin geschlechterübergreifend gesund und richtig ernähren. Hirschfelder: "Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, in der sich auch unser Essalltag gravierend verändern wird. Bei Jugendlichen erleben wir bereits heute eine starke Erosion des Wissens rund ums Essen und Trinken."

Geschlechterdifferenzen werden sich auflösen

In einer Welt der virtuellen Arbeit, der extremen Mobilität und der Auflösung der Familie mit 70 und mehr Prozent Single-Haushalten in den Städten wird sich, so Hirschfelder, das Essen mehr und mehr atomisieren und entchronologisieren. Geschlechterdifferenzen werden sich auflösen, die Kategorie der "gemeinsamen Mahlzeit" wird stark an Bedeutung verlieren. Für Genießer wäre das eine traurige Perspektive.

Wenn also in diesem Sommer viele wilde Kerle noch einmal in den Dschungel der Vorgärten ziehen, um dicke Holfällersteaks und knackige Bruzzler zu grillen, während ihre figurbewussten Begleiterinnen im Salat picken und am Sekt nippen, um sich später vernaschen zu lassen, dann ist das aus Gender-Sicht ein absolutes Auslaufmodell.

Gender

Der Begriff Gender bezeichnet das "soziale" oder "psychologische" Geschlecht einer Person im Unterschied zum biologischen Geschlecht, im Englischen mit "sex" bezeichnet.

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