Ernährung, 15.07.2009

Erfolg dank Anorexie?

Für optimale Leistungen müssen viele Spitzensportler ihr Körpergewicht kontrollieren. Die Gefahr ist groß, dass sie dabei in eine Essstörung abdriften.

Das kann doch nicht gesund sein. Dieser Verdacht kommt schnell auf, wenn Eiskunstläuferinnen wie Federn durch die Luft wirbeln. Dass Eiskunstlaufen wie Turnen oder rhythmische Sportgymnastik zu den Sportarten mit Risiko für Magersucht zählt, ist bekannt. Denn viele Schiedsrichter sehen Schlankheit als wichtiges Kriterium für die künstlerische Benotung an. Ein niedriges Körpergewicht ist zudem oft günstiger für den Bewegungsablauf. Das Risiko für eine Anorexia athletica besteht daher bei allen Disziplinen, bei denen niedriges Gewicht von Vorteil ist. Leichte Skispringer fliegen weiter, dünne Langstreckler kommen schneller ins Ziel. Auch Gewichtsklassensportler wie Judoka oder Gewichtheber können durch Fixierung auf das Gewicht in eine Essstörung abdriften.

Bei einer Sportler-Magersucht werfen die Betroffenen bewusst "Ballast" ab, um eine bessere sportliche Leistung zu bringen. "Als Normalgewichtler kann ich den Marathon vier bis fünf Minuten schneller laufen, wenn ich ein Kilo Gewicht abnehme", erklärt der Kieler Sportmediziner Professor Burkhard Weisser. "Irgendwann gibt es dann keine weitere Leistungszunahme durch die Abnahme. Aber es ist überraschend, wie dünn man sein muss, um optimale Leistung zu bringen. Die Sieger im Marathonlauf der Männer wiegen vielleicht 60 Kilo bei einer Größe von 170 Zentimetern, die Frauen sind 160 groß und wiegen 40 Kilo. Das würden wir nach unseren Kriterien zum Teil schon als Anorexie bezeichnen."

Dennoch ist nicht jeder schlanke Sportler gleichzeitig magersüchtig. Kritisch wird es, wenn nach der Leistung ein normales Essverhalten nicht wiederhergestellt werden kann, ausgeprägte Ängste vor einer Zunahme bestehen oder die Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts gestört ist. Persönlichkeitsmerkmale wie mangelndes Selbstbewusstsein, Perfektionismus und starke Leistungsorientierung erhöhen das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Wenn die Gedanken ständig um Essen, Aussehen, Gewicht, Fett, Kalorien und das Vermeiden bestimmter Nahrungsmittel kreisen, ist ein krankhafter Zustand erreicht.

Aufgabe der sportmedizinischen Betreuung ist es, gefährdete Sportler zu erkennen, das Abgleiten einer Anorexia athletica in eine Anorexia nervosa oder Bulimie zu vermeiden beziehungsweise einer fachgerechten Behandlung zuzuleiten. Kinder und Jugendliche sollten daher im Leistungssport regelmäßig gewogen und gemessen werden. Die Wachstumsentwicklung ist ein wichtiger Parameter in der Diagnostik der Essstörung. Abweichungen von der Norm lassen sich an den Perzentilkurven erkennen. Ebenfalls wichtig ist die Hautfaltendickemessung. Sie lässt Rückschlüsse auf das Körperfettdepot zu.

Dass es sich um eine Krankheit handelt, ist Sportlern besonders schwer klarzumachen; denn Sport gilt prinzipiell als gesund. Und der sportliche Erfolg beim Minimalgewicht gibt ihnen scheinbar Recht. "Man wundert sich, was der Körper alles aushält und wie leistungsfähig manche Betroffenen sind, selbst wenn sie nur noch 30 Kilo wiegen," berichtet Weisser. Über die Schwere der Erkrankung sollte das aber nicht hinwegtäuschen. "Man macht sich keine Vorstellung davon, wie hoch die Sterblichkeit trotz optimaler, interdisziplinärer Therapie ist." (nke)

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