Ärzte Zeitung, 22.11.2011

Intelligente Implantate als Therapiebetreuer

Diagnostik und Therapie mit einem Gerät, das im Körper eines Menschen platziert ist - das ist die Zukunft von Implantaten, wie sie der Herstellerverband VDE sieht. Bei der Medica ist jetzt ein Positionspapier zur weiteren Entwicklung bei Implantaten vorgestellt worden.

Von Hauke Gerlof

Intelligente Implantate als Therapiebetreuer

Seit mehr als 50 Jahren geben Schrittmacher Herzen den Takt vor. Die Entwicklung bei Implantaten ist seither rasant verlaufen.

© Peter Nguyen / photos.com

DÜSSELDORF. Seitdem vor gut 50 Jahren die ersten Herzschrittmacher implantiert worden sind, haben Implantate eine gewaltige Entwicklung genommen.

Krisen früher erkennen

Sie sind nicht nur immer kleiner und technisch ausgefeilter geworden, sie sind auch zunehmend mit "Intelligenz" ausgestattet: Herzschrittmacher schicken heute weitgehend automatisch per Mobilfunk Informationen über ihren Zustand und können über eingebaute Sensoren auch Daten über den Gesundheitsstatus des Patienten weiterleiten.

So lassen sich Krisen früher erkennen, Arztbesuche zur Kontrolle des Gerätes werden überflüssig, Krankenhausaufenthalte können vermieden werden.

Doch damit ist das Ende der Entwicklung noch lange nicht erreicht. Bei der Medica hat der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) in einer Pressekonferenz über die zukünftigen Möglichkeiten von Implantaten, Kostensenkungspotenziale für das Gesundheitswesen und politische Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung informiert.

 Theranostische Implantate

In einem aktuellen Positionspapier spricht der Verband von sogenannten theranostischen Implantaten für die Zukunft: "Dahinter steht die Wortkombination aus Therapie und Diagnostik", erläuterte Dr. Hans Jürgen Wildau, Vice President Health Services von Biotronik, bei der Pressekonferenz.

Ein Beispiel: Ein Gerät diagnostiziert bei einem Epileptiker mit Hilfe von Sensoren, dass ein Anfall bevorsteht. Es löst eine Tiefenhirnstimulation aus, die den Anfall verhindert. Ähnliches leisten schon heute implantierte Defibrillatoren beim Herzen.

Forschungsbedarf für Implantate noch enorm

Moderne Ansätze gebe es etwa bei Cochlea- und den Retina-Implantaten, bei denen eine Stimulation vom Implantat zum Hör- oder Sehnerv jedenfalls ansatzweise gelingt. Wildau zufolge können Erblindete mit Implantat mittlerweile anhand der Umrisse einen Apfel von einer Banane unterscheiden.

Der Forschungsbedarf sei allerdings noch immer enorm. So gehe es bei den Implantaten darum, sie immer kleiner zu machen, sie müssten steril sein und bleiben, sie seien mit Telemetrie-Funktionen auszustatten, und gerade bei Sensoren gehe es auch um die Langlebigkeit.

"Ein implantierbarer Glukosesensor hält bisher eine Woche, das ist noch zu wenig. Bei den modernen Herzschrittmachern sind wir da, wo wir sein wollen", sagte Wildau weiter. Eine Haltbarkeit von ein bis zwei Jahren sei für schwer chronisch Kranke ein akzeptabler Wert.

Verbesserung der Therapietreue

Das Potenzial bei der Behandlung von chronisch Kranken sei riesig, hieß es weiter bei der Pressekonferenz. Aufgrund der demografischen Entwicklung werde der Anteil chronisch Kranker an der deutschen Bevölkerung von jetzt 40 Prozent weiter steigen.

Durch theranostische Implantate könne eine Verbesserung der Therapietreue erreicht werden - mit der Folge deutlich sinkender Folgekosten. VDE-Präsidiumsmitglied Professor Thomas Schmitz-Rode schätzte das Kostensenkungspotenzial auf lange Sicht auf eine Milliarde Euro jährlich allein durch eine höhere Langlebigkeit der Implantate.

Implantate seien allerdings "ein hoch interdisziplinäres Thema", erst recht, wenn es um Bioimplantate gehe, so Schmitz-Rode. Die Prozesse bei der Produktzulassung seien sehr komplex, "gerade hoch innovative kleine Unternehmen blicken da oft nicht mehr durch".

Finanzielle Fördermittel und bürokratische Rahmenbedingungen

Dazu kämen hohe Kosten für klinische Studien. Schmitz-Rode: "Da brauchen wir neue Finanzierungsmodelle." Es müssten finanzielle Fördermittel bereitgestellt und die bürokratischen Rahmenbedingungen verbessert werden.

Die Anstrengungen müssten "forciert werden, damit Deutschland seine Chancen im internationalen Innovationswettlauf nutzt". Der VDE wünsche sich außerdem den Aufbau von Innovationszentren, in denen alles Know how gebündelt wird, von der Entwicklung bis zur Überführung einer Innovation in die Regelversorgung.

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