Ärzte Zeitung, 09.01.2007

Was tun, wenn die Augen trocken bleiben?

Tränenproduktion lässt sich einfach messen / Für die Tränenersatztherapie gibt es Präparate aus vier Gruppen

Von Dr. Simone Höfler-Speckner

Je nach Definition leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung unter den Symptomen des trockenen Auges. Aufgrund der hohen Prävalenz haben auch Allgemeinmediziner immer wieder mit dem Syndrom des trockenen Auges, Keratokonjunktivitis sicca, zu tun.

Der Tränenfilm setzt sich aus drei Komponenten zusammen. Eine davon ist die Lipidphase. Sie dient dem Verdunstungsschutz und ist für die Tränenfilm-Stabilität verantwortlich. Bei jedem Lidschlag wird der Tränenfilm an der Kornea neu verteilt und hält im Normalfall für 10 bis 15 Sekunden. Die Störung nur einer Komponente führt zu einer Instabilität des gesamten Tränenfilms und kann somit Sicca-Beschwerden verursachen.

  Mittlerweile unterscheidet man zwei Gruppen von möglichen Auslösern des trockenen Auges. Hierbei wird die Gruppe des Tränenmangels der Gruppe der Hyper-Evaporisation gegenübergestellt. Letztere bedeutet eine vermehrte Verdunstung, vor allem bei Störungen der Lipidphase. In beiden Fällen lässt sich jedoch eine entzündliche Reaktion beobachten.

Bei der Diagnose steht eine sorgfältige Anamneseerhebung im Vordergrund. Fremdkörper- und Trockenheitsgefühl, Brennen, Rötung und rasches Ermüden, aber auch vermehrtes Tränenlaufen der Augen werden als typische Beschwerden genannt. Zu erfragen sind weiterhin die Arbeitsbedingungen, Medikamenteneinnahme, systemische Erkrankungen, aber auch psychische Belastungssituationen. Als prädisponierende Faktoren gelten höheres Alter, weibliches Geschlecht, postmenopausale Hormonersatztherapie, Kortisoneinnahme, Antidepressiva, Umweltverschmutzung, Nikotinabusus, trockene Raumluft, Keratokonjunktivitis epidemica oder etwa Lidfehlstellungen. Besonderes Augenmerk ist auf Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis zu legen. An ein Sjögren-Syndrom sollte immer gedacht werden, wenn gleichzeitig über Speichelmangel geklagt wird.

  Allein die Betrachtung der Lidränder und Konjunktiva kann wichtige Hinweise geben. So sind zum Beispiel Lidfehlstellungen wie eine Auswärtskehrung des Lides (Ektropium), Einwärtskehrung der Wimpern (Trichiasis) oder das Pterygium conjunctivae (Bindehautfalte) mit freiem Auge gut sichtbar. Auch eine Blepharitis marginalis (chronische Entzündung der Meibomdrüsen) lässt sich anhand der vorliegenden Lidrandrötung, Schuppung und Verklebung der Wimpern erkennen. So genannte LIPKOFs (lidkantenparallele konjunktivale Falten) finden sich mit einer hohen Sensitivität und Sensibilität über der temporalen Unterlidkante. Verursacht werden sie durch eine entzündungsbedingte Auflockerung des konjunktivalen Bindegewebes.

Die Überprüfung der wässrigen Tränenfilmkomponente ist mithilfe des Schirmertestes I möglich. Dabei werden standardisierte Papierstreifen für fünf Minuten bei geöffneten Augen in den lateralen unteren Bindehautsack gehängt. Um eine Verfälschung des Ergebnisses durch die Reizsekretion zu vermeiden, empfiehlt sich die vorausgehende Oberflächenanästhesie mit entsprechenden Augentropfen (Schirmer II). Durch die Tränenproduktion sollten zehn Millimeter der Papierstreifen angefeuchtet werden, Werte darunter gelten als pathologisch.

Bei der Tränenersatztherapie werden vier Präparatgruppen unterschieden: synthetische Polymere (Polyvinylalkohol, Polyvidone) und Zellulosederivate, die eine niedrige Viskosität aufweisen und beim wenig ausgeprägten Sicca-Syndrom angewandt werden. Bei schwereren Formen empfiehlt sich der Einsatz von hoher visköser Pantothensäure und Hyaluronsäure - nach Möglichkeit unkonserviert, da das zugesetzte Benzalkoniumchlorid zu chronischen Entzündungen führen kann. Die Anwendung erfolgt drei- bis fünfmal täglich. Bei Fortbestehen der Beschwerden ist auch eine stündliche Applikation möglich. Für die Nacht können konsistenzreichere Salben und Gele verabreicht werden, die eine lang anhaltende Benetzung gewährleisten. Vitamin-A-haltige Salben beeinflussen die durch Vitaminmangel ausgelöste Plattenepithel-Metaplasie und darauf folgenden Verlust von konjunktivalen Becherzellen positiv.

Ein weiteres Verfahren, die verstopften Ausführungsgänge der Meibomdrüsen durchlässig zu machen, ist die Lidkantenpflege. Hierbei werden dreimal täglich feuchtwarme Kompressen auf die Augenlider gelegt und anschließend mit einem Wattestäbchen in Richtung der Lidkanten ausgestrichen. Die Patienten sollten darauf vorbereitet sein, dass sich Therapieerfolge erst nach mehreren Wochen einstellen können. Der Verzicht auf Make-up kann sich dabei nur positiv auswirken.

  Zu den modernen Therapieformen gehört die Applikation von Eigenserum. Es enthält eine Reihe von epitheliotropen Wachstumsfaktoren, die eine positive Wirkung auf die Korneaepithel-Regeneration haben. Die antiinflammatorische Wirkung von Cyclosporin A bildet den Hintergrund für die durch mehrere Studien belegte gute Wirksamkeit. Androgenhaltige Augentropfen setzen dort an, wo ein systemischer Mangel für trockene Augen sorgt. Der Grund dafür: Sowohl Meibom- als auch Tränendrüsen sind androgengesteuert. Zugelassen ist diese Therapieform allerdings noch nicht. So genannte Punktum plugs verschließen die Tränenpünktchen und verhindern derart ein zu schnelles Abfliesen des Tränenfilms. Alternativ kann eine permanente Verödung durchgeführt werden.

Der Artikel erschien - in ungekürzter Version - zuerst in der "Ärzte Woche" am 28. September 2006

STICHWORT

Keratokonjunktivitis sicca

Die Keratokonjunktivitis sicca wird auch als Keratitis sicca bezeichnet. Die Hornhautschädigung ist durch mangelhafte Tränensekretion bedingt. Die primäre Form der Erkrankung ist ein Teilaspekt des Sjögren-Syndroms. Sekundär kommt die Erkrankung vor bei rheumatischen Erkrankungen, Sarkoidose, Non-Hodgekin-Lymphomen, HIV-Erkrankung, nach Knochenmarktransplantation, aber auch bei Menschen mit lang dauernder Bildschirmarbeit. Außer dem Schirmer-Test werden zur Diagnostik noch eine Spaltlampen untersuchung und eine Bengalrosa-Probe verwendet. Wichtig sind außer Tränenersatzmitteln Maßnahmen gegen die Grunderkrankung. (eb)

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