Ärzte Zeitung, 14.07.2004

HINTERGRUND

Seit 1980 gibt es weltweit 35 neue Infektionskrankheiten - deshalb ist internationale Zusammenarbeit unerläßlich

Von Peter Leiner

"Mikroben sind unsere Beutejäger, und sie werden den Sieg davontragen, wenn wir - der Homo sapiens - nicht lernen, wie man vernünftig in einem globalen Dorf lebt, das den Mikroben nur wenig Chancen bietet." Dieses Resümee ihrer Analyse hat die US-Wissenschaftsautorin Laurie Garrett bereits vor zehn Jahren in ihrem Buch "Die kommenden Plagen" gezogen.

Seitdem hat sich allerdings nicht viel geändert. Es sind wieder Infektionskrankheiten aufgetreten, die es vorher nicht oder nur vereinzelt gegeben hat: Vogelgrippe, Sars, West-Nil-Fieber, BSE und die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sowie Infektionen mit Methicillin-resistenten Staphylokokken.

"In den vergangenen 25 Jahren sind 35 neue Infektionskrankheiten aufgetaucht, in so kurzer Zeit so viele wie nie zuvor", sagte Dr. Rino Rappuoli, wissenschaftlicher Leiter bei dem Unternehmen Chiron in den USA und in Italien beim 1. internationalen Kongreß über "Emerging and Re-emerging Infections: Impact on Society, Economy and Medicine" in Siena. Anlaß der von der Universität Sienna organisierten Tagung war die Gründung der Impfstoffhersteller Behringwerke - heute Chiron Vaccines - und Sclavo Siena, Tochterfirmen des US-Unternehmens Chiron, vor 100 Jahren.

Neue Erreger entstehen auch durch Reisen und Mutationen

Rappuoli erinnerte an die wichtigsten Gründe für die Entstehung neuer und das Wiederkehren bekannter Erreger: Bevölkerungswachstum, überfüllte Städte und Zunahme des weltweiten Reiseverkehrs. Aber auch Mutationen und Rekombinationen im viralen Erbgut lassen neue Erreger entstehen, wie Professor Albert Osterhaus vom Erasmus-Universitätskrankenhaus in Rotterdam sagte.

Um frühzeitig den Gefahren durch neue und alte Erreger begegnen zu können, plädiert Rappuoli für eine verbesserte Kommunikation zwischen den beteiligten Behörden und wissenschaftlichen Instituten. Der letzte Testfall für eine solche Zusammenarbeit war Sars.

Am 16. November 2002 wurde erstmals eine atypische Pneumonie in der chinesischen Provinz Quangdong bekannt. Doch erst am 12. März 2003 wurde eine weltweite Warnung von der WHO ausgesprochen, wie Dr. Klaus Stöhr von der WHO berichtete. Dann allerdings konnte die Ausbreitung der Lungenkrankheit verhindert werden. Das gelang etwa durch Tragen von Mundschutz, was zum Beispiel auch Ballettänzer bei Aufführungen machten. Zum anderen wurde es durch internationale Zusammenarbeit möglich, bereits am 16. April 2003 das neue Coronavirus als Sars-Erreger zu identifizieren.

Eine Schlüsselposition bei der Bekämpfung von Seuchen haben die US-Zentren zur Seuchenkontrolle (CDC). Sie bestehen nach Neuorganisation jetzt nur noch aus vier Koordinierungszentren, was die Effizienz der Behörde verbessert.

Unabhängig von den US-CDC können auch in Europa bei Beginn einer Epidemie rasche Gegenmaßnahmen getroffen werden. Denn seit 1996 gibt es das Netzwerk "European Communicable Disease Network" und seit Februar 2004 die europäische CDC, und zwar in Stockholm.

Mit Impfprogrammen können Epidemien verhindert werden

Um Epidemien zu verhindern, sind Impfprogramme unerläßlich. Konsequentes Impfen ist effektiv und nicht teuer, wie Sir Gustav Nossal, Professor em. der Universität Melbourne in Australien, deutlich machte. So würden pro eine Million US-Dollar, die im EPI-Impfprogramm (Extended Program of Immunization) ausgegeben werden, bis zu 2500 Menschenleben gerettet. Zum Vergleich: Bei der Malaria-Bekämpfung sind es bei gleichem Betrag bis zu 1500 Menschenleben, mit Medikamenten gegen Krebs bis zu zehn, mit der antiretroviralen Therapie gegen HIV bis zu 5000 Menschenleben und mit Impfungen gegen Hepatitis B bis zu 2000 Menschenleben.

Poliomyelitis soll bis 2005 weltweit verschwunden sein

Um Erreger auszurotten, müssen beteiligte Regierungen zusammenarbeiten. Welche Folgen es hat, wenn das nicht geschieht, machte Nossal am Beispiel der Poliomyelitis deutlich. Durch ein 1988 gestartetes Programm sollte die Kinderlähmung bis 2000 ausgerottet werden. Doch weil nicht alle Menschen erreicht wurden, kam es etwa in Indien und Pakistan zu vielen neuen Erkrankungen. Außerdem weigern sich manche Regierungen, an dem Programm teilzunehmen. "Nigeria ist das größte Problem", so Nossal. Seit 2003 erkrankten dort fast 500 Menschen an Kinderlähmung. Aktuelles Ziel der WHO: 2005 soll Polio verschwunden sein.

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