Ärzte Zeitung, 14.05.2007

HINTERGRUND

Neue Tests ermöglichen eine gezielte Antibiose - das hilft Arzneimittel zu sparen und beugt Resistenzen vor

Von Wolfgang Geissel

Neue diagnostische Tests können dabei helfen, Antibiotika künftig ganz spezifisch gegen Infektions-Erreger zu verwenden. Hiermit lassen sich Medikamente einsparen und Resistenzen vorbeugen. Die "Initiative Antibiotika-Einsatz - gezielt ist sicher" macht sich dafür stark, dass die Entwicklungen schnell in Kliniken und Praxen übernommen werden.

Pneumokokken unter dem Mikroskop. Die Keime gehören zu den häufigsten Erregern von Atemwegsinfektionen wie Pneumonien. Foto: Sanofi-Pasteur MSD

Frankreich ist ein Spitzenreiter beim Antibiotika-Verbrauch

"Je mehr Antibiotika in einem Land verbraucht werden, desto höher sind die Raten von resistenten Keimen", hat Professor Norbert Suttorp von der Charité in Berlin berichtet. Die Menge der verbrauchten Antibiotika variiert dabei in verschiedenen Ländern erheblich, so Suttorp bei einer Veranstaltung der Initiative auf dem Internisten-Kongress in Wiesbaden.

Spitzenreiter in Europa ist Frankreich. Dort werden nach einem aktuellen Vergleich von 26 Ländern täglich 32 Tagestherapiedosen Antibiotika pro 1000 Einwohner eingesetzt und damit mehr als dreimal so viele wie in den Niederlanden mit 10 Tagestherapiedosen pro 1000 Einwohner (Lancet 365, 2005, 579). Deutschland gehört danach mit etwa 14 Tagestherapiedosen pro 1000 Einwohner zu den Ländern mit dem niedrigsten Verbrauch (Platz 22).

Sorge um Makrolid-resistente Pneumokokken in Deutschland

Gleichzeitig beträgt in Frankreich der Anteil Penicillin-resistenter Pneumokokken etwa 40 Prozent und in den USA mit einem ebenfalls sehr hohen Antibiotika-Verbrauch sogar über 50 Prozent, sagte der Pneumologe. In Deutschland sei die Situation mit weniger als drei Prozent solcher Resistenzen noch vergleichsweise günstig. Sorgen bereiten Infektiologen jedoch Makrolid-resistente Pneumokokken. Der Verbrauch von Makroliden ist etwa durch die H.-pylori-Eradikation sehr hoch. Die Konsequenz: bis zu 30 Prozent der Pneumokokken seien in Deutschland inzwischen Makrolid-resistent. Makrolide sind deshalb nicht mehr Medikamente der ersten Wahl bei Pneumonien, sagte Suttorp.

Der Arzt von der Medizinischen Klinik für Infektiologie und Pneumologie hat sich mit Internisten, Infektiologen, Pneumologen und Intensivmedizinern zu der Initiative zusammengeschlossen. Gegen vier Probleme, durch die Resistenzen begünstigt werden, soll vorgegangen werden:

  • Antibiotika werden unnötig bei viralen Infektionen gegeben,
  • Antibiotika werden zu lange angewandt,
  • Antibiotika werden häufig unterdosiert,
  • breitwirksame Antibiotika werden eingesetzt, obwohl eine Schmalspur-Antibiose ausreichend wäre.

Bakterielle Infektionen lassen sich mit Procalcitonin-Tests gut erkennen. In einer Studie am Universitätsklinikum Basel wurde der Nutzen des Markers untersucht, und zwar bei 243 Patienten mit unteren Atemwegsinfektionen. Die Hälfte der Patienten wurden nach üblichen Kriterien wie Symptome, Röntgenbild, CRP-Wert und Blutgasanalyse behandelt. Von ihnen bekamen über 80 Prozent ein Antibiotikum verordnet.

Bei den anderen Patienten wurde zusätzlich ein PCT-Test gemacht, von ihnen bekamen nur 44 Prozent ein Antibiotikum. Der Therapieerfolg - gemessen etwa an der Zahl der Tage in der Klinik oder der Zahl der Todesfälle - war in beiden Gruppen ähnlich. In einer weiteren Studie mit 450 Patienten mit akuten Atemwegsinfektionen wurde die PCT-gesteuerte Therapie bei niedergelassenen Ärzten in der Schweiz untersucht. Dabei habe sich die Zahl der Patienten mit Antibiotika-Therapie sogar um 75 Prozent verringern lassen, wurde in Wiesbaden berichtet.

Mit Procalcitonin-Tests lässt sich Antibiose-Dauer steuern

Ebenso lässt sich mit dem Marker PCT offenbar die notwendige Dauer einer Antibiose ermitteln, wie Suttorp gesagt hat. So wurde in einer Studie mit 302 Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie (CAP) bei der Hälfte der Patienten regelmäßig der PCT-Wert ermittelt und nach Rückgang des PCT-Spiegels die Antibiose abgesetzt. Ergebnis: In der PCT-Gruppe ließ sich schon nach fünf Tagen bei 50 Prozent der Patienten auf die Antibiose verzichten, in der Vergleichsgruppe erst nach zehn bis elf Tagen. Nach Angaben von Suttorp waren die Heilungsraten in beiden Gruppen ähnlich.

Eine schnelle Erreger-Diagnostik wird künftig auch die Verwendung von Schmalspur-Antibiotika ermöglichen, so Suttorp. So gibt es bereits jetzt Urin-Schnelltests auf Legionellen und Pneumokokken. Ist der Legionellen-Test positiv, wird mit einem Makrolid therapiert, bei positivem Pneumokokken-Test mit einem Betalaktam-Antibiotikum. Die Tests werden in Deutschland derzeit evaluiert (CAP-NETZ-PENCAP-Studie).

Erreger-Diagnostik in nur vier Stunden

Außerdem gibt es Testsysteme zur Schnelldiagnostik vieler weiterer Erreger in der Klinik wie den Multiplex-TR-PCR-ELISA oder den LightCycler®SeptiFastTest. Binnen vier Stunden war es möglich, damit aus Blutproben die Keime zu bestimmen und gezielt dagegen zu behandeln.

Weitere Informationen unter www.gezielt-ist-sicher.de

STICHWORT

Procalcitonin-Test

Mit dem Procalcitonin-Test (PCT) lassen sich virale von bakteriellen Infektionen gut voneinander abgrenzen. Der Spiegel des Akute-Phase-Proteins steigt bei viralen Infekten oder nichtbakteriellen Entzündungen im Blut leicht (10- bis 100-fach) und bei schweren bakteriellen stark (1000- bis 100 000fach). Hohe Spiegel sprechen daher für bakterielle und niedrige Werte für virale Infektionen. Mit dem PCT lässt sich zudem bei Patienten mit bakteriellen Infektionen das Ansprechen auf eine Therapie abschätzen. Die Dauer von Antibiosen lässt sich so verkürzen. Die Testkosten können niedergelassene Ärzte derzeit nur als IGeL-Angebot (GOÄ A 4047) abrechnen. (eis)

Lesen Sie dazu auch:
Bluttest hilft, bei COPD Antibiotika zu sparen

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