Ärzte Zeitung, 21.04.2009

Aids ist kein Verbrechen

Von Thomas Müller

Aids ist kein Verbrechen

Symbol für die Solidarität mit HIV-Infizierten: die rote Schleife.

Foto: Aamon©www.fotolia.de

Lassen Sie sich als Arzt regelmäßig gegen Grippe impfen? Falls nicht, landen Sie vielleicht bald im Gefängnis. Denn möglicherweise beschuldigt Sie jemand der fahrlässigen Tötung, wenn Sie mit einer Erkältung in ein Pflegeheim gehen, in dem kurz darauf jemand an Influenza stirbt.

Klingt absurd? Mit einer ähnlichen Begründung hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt jetzt eine junge Sängerin hinter Gitter gebracht. Nur dass es dabei nicht um Grippe, sondern um HIV geht. Die Frau soll vor fünf Jahren ihren Partner angesteckt haben, obwohl sie von ihrer HIV-Infektion wusste. Bewiesen ist das aber nicht, und Virologen bezweifeln, dass sich die Ansteckung noch beweisen lässt.

Bewiesen ist aber eines: Es ist heute wieder leicht, HIV-Infizierte zu diskriminieren und zu kriminalisieren. Wenn Staatsanwälte Namen nennend über das Sexualleben einer Beschuldigten reden, wenn der SPD-Abgeordnete Siegmund Ehrmann in "Bild" von ihrem Körper als "Biowaffe" spricht, dann fühlt man sich an Zeiten erinnert, in denen manche Politiker Aidskranke in Lagern internieren wollten. Doch Aids ist kein Verbrechen, sondern eine Krankheit und damit primär ein Fall für den Arzt - nicht für den Staatsanwalt. Das sollte sich inzwischen herumgesprochen haben.

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[21.04.2009, 08:39:25]
Dr. Erhard Eberl  mail@dr-med-eberl.de
Weiter denken!
Zum Polemisieren taugt das Thema nun leider wirklich nicht und den Betroffenen sollten wir unsere Unterstützung, nicht nur medizinisch, nicht versagen.

Davon getrennt ist aber die staatliche Aufgabe des Schutzes seiner Bürger zu sehen. Wenn die Intention des obigen Artikels richtig wäre, dann könnten wir gleich das ganze Infektionsschutzgesetz einstampfen. Dann müsste der Staat auch bei Pocken, Pest, Cholera usw. hilflos zusehen, denn die Erkrankten werden frei herumlaufen und andere anstecken. Wollen wir das wirklich? Also bitte nüchtern-sachlich aufzeigen, wo - gut begründet - die Grenze gezogen werden soll. Dann diskutieren wir weiter. zum Beitrag »

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