Ärzte Zeitung, 29.01.2010

Fünf Stunden pro Woche Krafttraining oder Radeln - das reicht, um gesünder zu altern

Immer mehr Daten sprechen dafür, dass es einen einfachen Weg gibt, um gesund zu altern: sich bei Zeiten körperlich viel zu bewegen.

Von Thomas Müller

zur Großdarstellung klicken

Egal ob Krafttraining oder Joggen - wer im Alter gesund bleiben will, sollte sich bewegen. © Graça Victoria / fotolia.com

Gesund zu altern, davon träumen die meisten Menschen. Mit Blick auf die stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen ist eine gesund alternde Bevölkerung besonders auch der Traum eines jeden Gesundheitsministers und Krankenkassenchefs. Fünf neue Studien, die jetzt in den "Archives of Internal Medicine" erschienen sind, legen nahe, dass dieser Traum im Prinzip erfüllbar ist. Dazu müssten sich die meisten Menschen nur etwas mehr bewegen, und dafür, so das Ergebnis der Studien, ist es eigentlich nie zu spät.

Viel Sport halbiert das Risiko für chronische Krankheiten

Einen Hinweis darauf, dass sich viel Bewegung nicht nur für den Einzelnen, sondern auch die Gesellschaft lohnt, gibt jetzt eine Analyse der Nurses Health Study mit Daten von über 13 500 Frauen. Alle waren zunächst gesund, der Altersschnitt lag bei etwa 60 Jahren. Die US-Forscher um Dr. Qui Sun von der Harvard School of Public Health in Boston schauten nun, wie viel sich die Frauen zu Beginn der Studie bewegten, und wie viele Frauen die folgenden 14 Jahre gesund alterten. Den primären Endpunkt - gesundes Altern - erreichte, wer zum Schluss der Erhebung keine der zehn häufigsten chronischen Krankheiten entwickelt hatte, geistig noch fit war und auch körperlich keinerlei Einschränkungen hatte. Entsprechend ihrer körperlichen Aktivität wurden die Teilnehmer in Quintilen eingeteilt.

Das Ergebnis: Insgesamt wurden nur etwa 1450 Frauen gesund alt, also knapp zehn Prozent. In der Quintile mit der höchsten körperlichen Aktivität war die Rate für gesundes Altern dabei doppelt so hoch wie in der Quintile mit der niedrigsten Aktivität. Oder in anderen Worten: Wer sich im mittleren Lebensalter viel bewegt, verdoppelt seine Chance, auch im Alter gesund zu bleiben. Und viel bewegen hieß in diesem Fall, etwa fünf Stunden pro Woche Schwimmen oder Radeln (Arch Intern Med 170, 2010, 194).

Dass viel Bewegung auch schon im etwas weiter fortgeschrittenen Alter gesund hält und möglicherweise Kosten spart, darauf deuten Daten einer deutschen Studie von Dr. Wolfgang Kemmler von der Uni Erlangen. Hier wurden bei Frauen über 65 Jahren die Auswirkungen eines 18 Monate dauernden Spezialtrainings auf Knochendichte, Fallrisiko und kardiovaskuläres Risiko überprüft. Von den 246 Frauen bekam die Hälfte ein Aerobic- und Gleichgewichtstraining (viermal pro Woche, insgesamt 160 Minuten pro Woche), die andere Hälfte ein Wellness-Programm. Nach 18 Monaten war die Knochendichte in der Trainingsgruppe signifikant höher (Zunahme um knapp zwei Prozent) als in der Wellnessgruppe, und die Zahl der Stürze war um zwei Drittel geringer. Lediglich auf das kardiovaskuläre Risiko, ermittelt mit dem Framingham-Score, hatte das Training keinen signifikanten Einfluss (Arch Intern Med. 170, 2010, 179). Diese Daten sind insofern relevant, weil sie nahe legen, dass Frauen durch körperliche Aktivität für das Gesundheitswesen teure und prognostisch ungünstige Hüftfrakturen vermeiden können.

Auch Pflegepatienten nützt noch etwas mehr Bewegung

Doch auch geriatrischen Patienten kann etwas mehr Bewegung das Leben erleichtern, so das Ergebnis einer französische Studie in mit 160 Pflegeheim-Bewohnern, die noch in der Lage waren sich zu bewegen und einfache Aufforderungen zu verstehen. Sie durften entweder an speziellen Tai-Chi-Übungen teilnehmen, an einem Kommunikationstraining mit Balance-Übungen, oder sie erhielten nur die übliche Pflege. Nach sechs Monaten waren Alltagsfähigkeiten wie Waschen, Anziehen oder Toilettenbenutzung in den beiden Interventionsgruppen deutlich besser als in der Kontrollgruppe, am deutlichsten waren die Unterschiede jedoch in der Gruppe mit Tai Chi. In dieser Gruppe traten auch am seltensten Verhaltensstörungen auf (Arch Intern Med 170, 2010, 162).

Zwei weitere in den "Archives" veröffentlichte Studie zeigen zudem, wie wichtig körperliche Aktivität auch für eine gesunde Hirnalterung ist. In einer deutschen Studie bei knapp 4000 Bayern im Alter von über 55 Jahren schauten Dr. Thorleif Etgen und Mitarbeiter der TU München, wie viele Teilnehmer innerhalb von zwei Jahren leichte kognitive Einschränkungen (MCI) entwickelten. Dies war bei knapp sechs Prozent der Teilnehmer der Fall. Bei Teilnehmern, die mehr als dreimal pro Woche körperlich aktiv waren, war die Inzidenz von MCI jedoch nur halb so hoch wie bei trägen Zeitgenossen (Arch Intern Med 170, 2010, 186).

Offenbar lohnt sich sogar noch im Alter mit Sport zu beginnen, um geistig fitter zu werden oder es zu bleiben. In einer kanadischen Studie durften 155 Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahre entweder an einem Krafttraining mit Gewichten teilnehmen oder an einem Balancetraining. Mit dem Krafttraining ließen sich innerhalb von einem Jahr kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Konfliktfähigkeit steigern. Auf das Gedächtnis hatte das Krafttraining zumindest in dieser Studie aber keinen Einfluss.

Da einige der genannten Studien relativ klein waren, nur wenige Monate dauerten und oft nicht randomisiert-kontrolliert erfolgten, soll nun die große Interventionsstudie LIFE mit 1600 Teilnehmern klären, ob körperliche Aktivität tatsächlich die Morbidität und damit auch die Gesundheitskosten im Alter reduziert. Sollte die vier Jahre lang dauernde Megastudie mit älteren Menschen, die ein hohes Risiko für Immobilität haben, den Nutzen von etwas mehr Bewegung noch klarer und zweifelsfreier belegen als bisher, könnte dies die Prävention durch Bewegung stärker in den Fokus rücken. Um die richtigen Anreize zu schaffen, ist dann allerdings die Politik gefragt.

Lesen Sie dazu auch:
Gesund altern - etwas mehr Bewegung macht’s möglich

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Mehr Anreize für ein gesundes Leben

|

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

"Depressionen erklären solche Taten nicht"

Der Amokläufer von München, der Attentäter von Ansbach - beide sollen wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sein. Experten schließen eine Depression als Erklärung jedoch aus. Wir erkären, wieso. mehr »

Es ist Zeit für neue Kontrazeptiva für Männer!

Internationale Experten haben ein Manifest verabschiedet mit dem Appell, die Forschungen zu Verhütungsmitteln für Männer zu intensivieren. mehr »

Wenn Arbeitnehmer nicht abschalten können

Arbeiten im Park oder früher nach Hause gehen und sich später wieder einschalten - die dank moderner Kommunikationsmittel mögliche Flexibilität wird in der Arbeitswelt gefeiert. Doch es zeigen sich mehr und mehr Kehrseiten. mehr »