Direkt zum Inhaltsbereich

Physiologisches Phänomen

Wenn das Smartphone "blind" macht

Nach dem Blick aufs Handy war eine Frau einige Sekunden blind. Die vorschnelle Diagnose eines Neurologen: MS. Doch dahinter steckte ein ganz anderes Phänomen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Intensive Smartphone-Nutzung belastet die Augen. Eine transiente Blindheit nach kurzem Blick aufs Handy ist allerdings rar.

Intensive Smartphone-Nutzung belastet die Augen. Eine transiente Blindheit nach kurzem Blick aufs Handy ist allerdings rar.

© Robert Kneschke / Fotolia

ROCHESTER/USA. Die 58-jährige Frau hatte noch einmal Glück: Obwohl vollkommen gesund, wäre sie um ein Haar jahrelang mit MS-Therapeutika behandelt worden. Schuld waren ihr Smartphone und ein Neurologe, der sich von einigen Flecken im MRT täuschen ließ. Doch zum Glück holte sich die Patientin eine zweite Meinung. Ein Team um Dr. Saraniya Sathiamoorthi von der Mayo Clinic in Rochester konnte keine neuroinflammatorische Erkrankung erkennen. Vielmehr gehen die Experten von einer "transienten Smartphone-Blindheit" aus. Zu diesem Schluss kommen sie, nachdem sie die Umstände der vermeintlichen Sehstörung gründlich analysiert haben.

Sehprobleme nach dem Aufstehen

Die Frau war eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang aufgewacht und blickte noch im Bett auf der linken Seite liegend für etwa eine Viertelstunde auf ihr Smartphone. Als sie schließlich das Handy zur Seite legte und aufstand, konnte sie auf dem rechten Auge plötzlich nichts mehr sehen. Der Sehverlust dauerte etwa 10–15 Sekunden, dann kehrte das Augenlicht langsam wieder zurück. Nach einer Minute war der Spuk vorbei und sie konnte wieder alles wieder normal erkennen. Nachdem ihr das zweimal passiert war, ließ sie sich gründlich untersuchen.

Ihr Augenarzt fand jedoch nichts Auffälliges: Sehschärfe, Farbensehen, Pupillenreflexe und Funduskopie waren normal. Als nächstes versuchte ein Neurologe sein Glück. Er veranlasste eine kraniale MRT und eine Liquoruntersuchung. Der Liquor offenbarte keine Hinweise auf eine Entzündung; im MRT waren jedoch einige subkortikale Läsionen in der weißen Substanz zu erkennen. Das genügte dem Arzt, um eine Multiple Sklerose zu diagnostizieren. Diese hatte seiner Auffassung nach die Sehstörungen ausgelöst. Er empfahl der Frau den Beginn einer immunmodulierenden Behandlung.

Rein physiologisches Phänomen

Ob sie die MS-Therapie tatsächlich begonnen hat, wird nicht berichtet. Nachdem die MRT-Läsionen über sechs Monate hinweg unverändert blieben, suchte die Patientin jedenfalls den Rat der Neurologen aus der Mayo Clinic. Und die vermuten einen ganz anderen Grund für die kurzfristigen Sehstörungen. Das Team um Sathiamoorthi geht von einem physiologischen Phänomen aus, bedingt durch die unterschiedliche Lichtempfindlichkeit beider Retinae. Sie vermuten, dass die Frau nur mit dem rechten Auge auf das Smartphone gestarrt hat und das linke durch das Kissen verdeckt war.

 Das rechte Auge passte sich an die Helligkeit des elektronischen Geräts an, wohingegen das verdeckte linke Auge nach wie vor dunkelheitsadaptiert blieb. Als die Frau das Gerät zur Seite legte und im schwachen Dämmerlicht aufstand, hatte das linke Auge kein Problem, dabei gut zu sehen. Relativ dazu war das rechte Auge durch das Handy jedoch geblendet und sah erst einmal nichts mehr, bis es sich wieder an das dunklere Umgebungslicht angepasst hatte. Die Frau hatte also den Eindruck, kurzfristig rechtsseitig das Augenlicht zu verlieren.

Auch TIA als Fehldiagnose

Die Neurologen von der Mayo Clinic zitieren Experimente, nach denen der Effekt bereits bei 10- bis 20-minütigem monokularen Blick auf den Handybildschirm im schwachen Umgebungslicht auftreten kann.

Offenbar sorgt die differenzielle Helligkeitsanpassung beim einäugigen Smartphone-Glotzen nicht selten für gravierende Fehldiagnosen. Die US-Ärzte berichten über einen dokumentierten Fall von Smartphone-Blindheit, bei der einem Patienten Plättchenhemmer verordnet wurden – die Ärzte waren von einer TIA ausgegangen.

An dem Kollegen, der bei der 58-jährigen Frau eine MS diagnostiziert hatte, wollten die Experten verständlicherweise kein gutes Haar lassen. Die MRT-Läsionen betrafen keine MS-typischen Regionen wie Corpus callosum oder Hirnstamm, auch lagen sie nicht juxtakortikal oder periventrikulär, zudem konnten die Läsionen kein Gadolinium anreichern. Wahrscheinlich sei eine Mikroangiopathie die Ursache. Hinzu komme, dass keine klinischen Symptome eines MS-Schubs vorlagen: Das kurze und schmerzlose Ereignis habe nicht den Symptomen einer Optikusneuritis entsprochen.

Neurologen liefen Gefahr, MRT-Aufnahmen überzubewerten und Erkenntnisse auszublenden, die gegen eine MS sprechen, sobald sie weiße Flecken in den Scans sehen, bemängeln die Ärzte um Sathiamoorthi.

Handynutzer sollten sich daher nicht von ihren Smartphones blenden lassen und Neurologen nicht von MRT-Scans. Das dürfte wohl die Lehre aus dieser Geschichte sein.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Angeborene Tränennasengangstenose

Analyse: Tränensackmassagen sind Sondierung nicht unterlegen

AMD-Prävention

Altersabhängige Makuladegeneration: Leitlinie gibt Empfehlungen zum Screening

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo Cardisio

© oxyven

Oxyven

Intravenöse Sauerstofftherapie mit Applimed-O2 1000

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind

Klassifikation von Herztönen nach Auskultation

Zusammenarbeit Mensch und KI: Das Vertrauen kann täuschen

Lesetipps
Richterhammer und Klemmbrett

© Andrii / Stock.adobe.com

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten

Eine Frau leidet unter Schwindel, hält sich mit der einen Hand an der Tür fest und ihre andere Hand liegt auf der Stirn.

© Tunatura/stock.adobe.com

Neurologin gibt Tipps

So gehen Sie bei Schwindel richtig vor