Ärzte Zeitung, 17.05.2004

HINTERGRUND

Empfänger Blutgruppe 0, Spender Blutgruppe A - kein Supergau, sondern ein Schritt in medizinisches Neuland

Von Nicola Siegmund-Schultze

Der Baseler Anästhesie-Professor Daniel Scheidegger nannte es einen Supergau: Im April dieses Jahres war eine Patientin am Universitätsspital Zürich gestorben, weil sie ein Herz mit einer inkompatiblen Blutgruppe erhalten hatte. Auch bei Transfusionen können bekanntlich Verwechslungen tödliche Folgen haben.

Reaktionen durch eine Blutgruppenunverträglichkeiten bei Zell- oder Organübertragungen sind der Albtraum jeden Arztes. Jetzt haben es Chirurgen an der Universitätsklinik Freiburg erstmals in Deutschland gewagt, eine Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Organspender und -empfänger zu überwinden: Professor Günter Kirste und sein Team verpflanzten Anfang April einem nierenkranken Mann mit der Blutgruppe 0 eine Niere seiner Ehefrau, die Blutgruppe A hat. Die Eheleute, beide 62 Jahre alt, sind inzwischen wieder zu Hause.

"Damit werden wir einen Boom auslösen!"

"Ich glaube, daß wir damit einen Boom auslösen werden", sagte Kirste in einem Gespräch mit der "Stuttgarter Zeitung". Er hat die Methode zusammen mit seinem Mitarbeiter Dr. Przemyslaw Pisarski aus den USA nach Deutschland gebracht. Steht ein Lebendspender zur Verfügung mit einer Blutgruppe, die normalerweise rasch zur Abstoßung des Organs durch den Empfänger führen würde, werden zunächst beim Empfänger die Antikörper gegen die fremde Blutgruppe herausgefischt. Die Mediziner leiten das Blut des Empfängers über eine Säule mit Antikörpern, die Immunglobuline mit einer Spezifität für die Blutgruppe des Spenders binden, in diesem Fall Anti-A-Immunglobuline. "Säulen für solche Immunoadsorptionen sind inzwischen kommerziell erhältlich", so Pisarski.

Acht Behandlungen habe man bei dem ersten Patienten in Freiburg benötigt, bis der Antikörper-Titer dieses Patienten von 1 : 256 auf 1 : 8 gesunken sei - nach Angaben von Pisarski ein akzeptabler Bereich. Kurz vor der Transplantation injizierten die Ärzte dem Empfänger außerdem den Antikörper Rituximab, der für Anwendungen in der Onkologie zugelassen ist. Rituximab richtet sich gegen das Differenzierungsantigen CD20 auf B-Lymphoyzten und entfernt damit reife, Antikörper produzierende B-Zellen. Auch das Spenderorgan werde intensiv gespült, um es von Blutzellen zu befreien.

"Diese Vorbehandlungen reduzieren Abstoßungsreaktionen gegen die für den Empfänger unverträgliche Blutgruppe des Spenders, allerdings nur vorübergehend", sagt Pisarski. Denn die entsprechenden B-Lymphoyzten würden nicht für immer eliminiert, sondern proliferieren nach einer Zeit wieder und bilden Antikörper nach. Aber der Organempfänger erhält natürlich auch eine Abstoßungsprophylaxe. Zwei Wochen nach der Transplantation sei die kritische Phase eines hohen Risikos für akute Abstoßungen durch Blutgruppen-Antikörper damit überwunden, so Pisarski.

Transplantationsmediziner bewerten das Verfahren kritisch

Dennoch: Die Abstoßungsprophylaxe ist bei Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Nierenspender und -empfänger intensiver als üblich. "Wir wollen versuchen, die Intensität der Immunsuppression auf längere Sicht zu verringern", so Pisarski. Denn je größer die Intensität der Immunsuppression, desto höher das Risiko für Malignome. Darum bewerten viele Transplantationsmediziner - auch in Deutschland - die Nierenverpflanzung bei unverträglichen Blutgruppen skeptisch.

Auch die Langzeitfunktion der Organe unterscheidet sich: Nach den bisherigen Daten aus anderen Ländern, vor allem Japan, wo seit längerem Nieren lebender Spender auch bei Blutgruppeninkompatibilität verpflanzt werden, funktionierten nach Angaben von Pisarski fünf Jahre nach der Operation zehn Prozent weniger Nieren, wenn die Blutgruppen nicht kompatibel waren.

Für Kirste überwiegen die Vorteile die Nachteile bei weitem: Nierenlebendspenden über die Blutgruppenunterschiede hinweg könnten "für viele betroffene Spender- und Empfängerpaare in Deutschland eine Ermutigung sein, den gleichen Weg zu gehen", meint der Transplantationschirurg. Er plädierte bei einem Symposium in Freiburg dafür, die Organspende von lebenden und hirntoten Menschen gleichermaßen voranzutreiben, um die Wartezeiten zu verkürzen. Kirste ist vor wenigen Tagen in den Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Neu-Isenburg gewechselt. Die DSO fördert und koordiniert die postmortale Organspende.

FAZIT

In Deutschland wie in anderen Ländern werden seit längerem die Möglichkeiten erforscht, Organe auch bei Blutgruppenunverträglichkeiten zu transplantieren. In der Bundesrepublik ist Anfang April der erste klinische Versuch mit einer Nierenlebendspende an der Universitätsklinik Freiburg gemacht worden. Der Spenderin und dem Empfänger - ihrem Ehemann - geht es gut. Organverpflanzungen trotz Blutgruppenkompatibilitäten werden aber unter Transplantationsmedizinern noch kontrovers diskutiert: Die Erfolgsraten sind geringer, und die intensivierte Abstoßungsprophylaxe erhöht möglicherweise das Risiko für Malignome beim Empfänger. (nsi)

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