Ärzte Zeitung, 22.02.2006

HINTERGRUND

Sollten Nieren alter Spender nur nach Biopsie verpflanzt werden?

Von Nicola Siegmund-Schultze

Nieren von älteren Spendern für ältere Kranke: Als in den 90er Jahren diese Idee angesichts knapper werdender Organe aufkam, war man zunächst skeptisch.

Trotzdem initiierte die Vermittlungszentrale für Organe Eurotransplant (ET) 1999 ein Seniorenprogramm (ESP): Die Nieren von hirntoten Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, werden an mindestens 65jährige Empfänger aus der Region vermittelt - unter Berücksichtigung der Blutgruppen, aber nicht der HLA-Antigene. Eine Auswertung nach etwa drei Jahren ergab zufriedenstellende Ergebnisse, das Programm wurde fortgeschrieben.

Eurotransplant schreibt Biopsien im Seniorenprogramm nicht vor

Jetzt werden die Daten des ESP-Programms, an dem sich viele deutsche Zentren beteiligen, erneut ausgewertet. In einer prospektiven Kohortenstudie haben nämlich italienische Transplantationsmediziner jetzt belegt, daß eine Untersuchung bioptischen Materials aus der Spenderniere vor der Verpflanzung eine zuverlässige Vorhersage für die Langzeitfunktion von Nieren älterer Spender für ältere Empfänger erlaubt. Durch das Vorgehen läßt sich besser als bisher abschätzen, ob der Empfänger beide Spendernieren braucht oder nur eine (NEJM 354, 2006, 343).

Die Aussagekraft von Biopsien vor der Nierentransplantation wird schon länger diskutiert. In dem ESP-Programm ist eine Biopsie nicht als obligatorische Untersuchung vorgeschrieben.

    Mit Nierenbiopsie vor Spende läßt sich Langzeitfunktion schätzen.
   

"Wir machen Biopsien bei Nieren älterer Spender nur bei konkretem Verdacht auf größere Organschäden", so Dr. Jan Gossmann, stellvertretender Leiter der Transplantationsambulanz an der Uniklinik Frankfurt am Main. Denn sie bergen ein Blutungsrisiko und machen die Voruntersuchung aufwendiger. Daß Biopsien als obligatorische Maßnahme für den Langzeiterfolg von Vorteil sind, gilt bisher als nicht gesichert.

Ändern könnten das die Daten der Studiengruppe für Nierentransplantation um Dr. Guiseppe Remuzzi und Dr. Piero Ruggenenti vom Mario Negri Institut für pharmakologische Forschung in Bergamo. Die Forscher haben 62 Nierenkranke in ihre prospektive Studie aufgenommen. Diese erhielten eine histologisch untersuchte Niere oder zwei von Spendern älter als 60 Jahre (Durchschnitt: 69 Jahre). Kontrollen waren 248 Empfänger jeweils nur einer Niere, die nicht zuvor histologisch untersucht worden war und entweder von Spendern jünger als 60 Jahre oder älter als 60 Jahre stammte.

Außer den serologischen Parametern wurden die Kreatininwerte bei allen potentiellen Spendern bestimmt. Die Nachbeobachtungszeit betrug drei Jahre (Mittel: 23 Monate).

Vier Parameter werden mit den Biopsien geprüft

Pathologen untersuchten die Nierenbiopsien auf vier Komponenten hin: Blutgefäße, Tubuli, Glomeruli und Bindegewebe. Die Forscher verwendeten einen Score von null bis drei zur Quantifizierung: Null bedeutete keine pathologische Veränderung, drei Punkte wurden bei deutlichen pathologischen Veränderungen vergeben. Eine Spenderniere konnte also bis zu zwölf Punkte erreichen. Bei bis zu drei Punkten wurde sie als einzelnes Organ verpflanzt, bei vier bis sechs Punkten bekam der Empfänger beide Nieren, und bei Werten über sechs wurden die Nieren nicht verpflanzt.

Das Ergebnis: Drei Jahre nach Transplantation funktionierten noch 93 Prozent der vor Implantation histologisch begutachteten Nieren. Das waren ähnlich viele wie bei Empfängern von Nieren jüngerer Spender und 21 Prozent (absolut) mehr als in der Gruppe derer, die Organe älterer Spender ohne histologische Voruntersuchung erhalten hatten (Transplantatüberleben nach drei Jahren: 72 Prozent).

Von 100 potentiellen Spendernieren älterer Menschen würden bei diesem Vorgehen 53 verpflanzt, haben die Forscher berechnet. Das ist deutlich weniger als im ESP-Programm, wo bis zu 90 Prozent der von älteren Spendern angebotenen Nieren transplantiert werden. Nur neun Prozent der Patienten, die ein histologisch voruntersuchtes Organ eines älteren Spenders erhalten, müssen nach diesen Berechnungen mit einem Organversagen oder dem Tod innerhalb von zehn Jahren rechnen, aber 44 Prozent derer, die das Organ eines älteren Spenders ohne histologische Voruntersuchung bekommen.

Eine Auswertung deutscher Zentren von 68 Patienten, die im ESP-Programm eine Niere erhalten hatten, ergab eine Zweijahresfunktionsrate von 89 Prozent bei Spendern zwischen 65 und 69 Jahren und von 84 Prozent bei älteren Spendern. Nach fünf Jahren funktionierten in der Gesamtgruppe noch 77 Prozent der Nieren, bei Nieren-Empfängern von Spendern älter als 69 Jahre waren es aber nur 63 Prozent (Urologe 8, 2004, 947).

FAZIT

Die histologische Untersuchung von Nieren alter Spender vor der Verpflanzung trägt dazu bei, die Langzeiterfolgsrate zu erhöhen. Das haben italienische Forscher jetzt belegt. Jedoch werden dabei fast die Hälfte der potentiellen Spendernieren von alten Menschen von der Verpflanzung ausgeschlossen. Im Vergleich mit dem derzeit in Deutschland und anderen Ländern des Eurotransplant-Verbundes geltenden Regeln würde das Vorgehen also vermutlich die Zahl der Nierentransplantationen bei alten Menschen senken. (nsi)

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