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Soldaten lernen zu schweigen

KOBLENZ (dpa). Ein Bus mit zwei Unteroffizieren kommt auf einem Kasernengelände von der Straße ab und fährt gegen einen Baum. Soldaten eilen herbei, um zu helfen. Einer der beiden Insassen stirbt dennoch bereits an der Unfallstelle. Nachdem der Tote und der Verletzte weggebracht wurden, bleibt ein Soldat am Boden sitzen und starrt nur vor sich hin. Er gehörte zu den Ersthelfern und steht unter Schock.

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Ein zweiter Soldat kommt hinzu und will sich um den Verstörten kümmern. So lautet das Szenario, das Bundeswehrsoldaten im Zentrum der Inneren Führung in Koblenz für ein Rollenspiel erhalten.

Das Rollenspiel gehört zu einem 14tägigen Lehrgang, bei dem ausgewählte Soldaten aller Teilstreitkräfte zu Kriseninterventionshelfern ausgebildet werden. Dabei wird der Umgang mit Kameraden geübt, deren Psyche nach Extremsituationen aus dem Lot geraten ist.

Ob Anschlag im Auslandseinsatz oder Schieß-Unfall im Inland, wie jüngst auf dem sächsischen Truppenübungsplatz Oberlausitz, wo zwei Soldaten ums Leben kamen. "Solche Ereignisse werden auch für einsatzerfahrene Soldaten keine Routine sein", erklärt der Seminarleiter, der Psychologe Herbert Jacobs. Bei etwa einem Drittel sei nach dem Erlebten mit psychischen Reaktionen zu rechnen.

"Die Ausbildung besteht im wesentlichen darin, diese psychischen Reaktionen kennenzulernen", erklärt Jacobs. Dazu steht zunächst einmal viel Theorie auf dem Seminarplan, hinzu kommen im Praxisteil Filme und Bilder von tatsächlichen Ereignissen sowie eben auch Rollenspiele. Die so ausgebildeten Soldaten ("Peers") sollen die Kriseninterventionsteams der Bundeswehr unterstützen, in denen auch Psychologen, Ärzte und Seelsorger arbeiten. Der Gedanke: Sie sind näher dran an ihren Kameraden. Menschen, die aus dem selben Arbeitsfeld kämen, seien gute Erstgesprächspartner nach belastenden Ereignissen, sagt der Militärdekan am Zentrum, Stefan Werdelis.

Wer unter Schock steht, kann plötzlich ungewöhnlich aktiv werden oder aber sich vollkommen in sich zurückziehen. "Schock bedeutet, daß die Großhirnrinde lahm gelegt wird", erklärt Jacobs. Damit würden die höheren Denkfunktionen - darunter die Sprache - blockiert. Auch in dem Rollenspiel im Seminar schweigen sich die beiden Soldaten zunächst an - bis zu 20 Sekunden lang. "Das empfinden wir schon als endlos bedrückendes Schweigen", sagt Jacobs. "Aber jemand, der im Schock ist, braucht so viel Zeit." Dann erzählt der Geschockte langsam und stockend, was er gesehen und erlebt hat.

Das geduldige Schweigen und Zuhören müßten gerade Soldaten lernen. "Soldaten sind lösungsorientiert, da muß es vorwärts gehen, da wird gehandelt", erklärt Jacobs. Auch Weinen ist erlaubt und sogar gewünscht. "Wenn der Betroffene sich den Schmerz von der Seele weinen kann, hat er den Schock schon fast überwunden", sagt der Psychologe.

"Peers" gibt es seit etwa zehn Jahren bei der Bundeswehr, also seitdem die Zahl der Auslandseinsätze deutlich zugenommen hat. Das Zentrum Innere Führung - eine zentrale Bildungseinrichtung der Bundeswehr - bietet jährlich sechs Seminare für bis zu 15 Teilnehmer an.

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