Ärzte Zeitung, 31.07.2008

HINTERGRUND

Sechs Jahre nach seinem Unfall erhält ein Patient zwei ganze Arme transplantiert

Von Jürgen Stoschek

Die weltweit erste Transplantation kompletter Arme am Klinikum rechts der Isar der TU München stellt medizinisch eine besondere Herausforderung dar. Die Transplantation von Händen oder Armen ist im Vergleich zu einer klassischen Organtransplantation sehr viel schwieriger, da das Immunsystem der Haut fremde Körperteile aggressiver abstößt.

Ein fast 40-köpfiges Team war an der Operation beteiligt

Einem heute 54-jährigen Landarbeiter wurden vor knapp einer Woche in einer 15-stündigen Operation zwei vollständige Arme mit Händen eines tödlich verunglückten jungen Mannes transplantiert. Ihm waren bei einem Unfall an einer landwirtschaftlichen Maschine vor sechs Jahren beide Arme in T-Shirt-Höhe abgetrennt worden. Die Familie des Organspenders hatte in die ungewöhnliche Spende ausdrücklich eingewilligt.

Unfall trennte beide Arme in Höhe eines T-Shirts ab.

Die Op, die am Freitag, den 25. Juli mit einem fast 40-köpfigen Team in zwei benachbarten Operationssälen begann und erst am Samstag zu Ende war, wurde von Professor Edgar Biemer und Privatdozent Christoph Höhnke von der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie der TU München geleitet. Biemer gilt als Pionier der Mikrochirurgie, vor allem wenn es um durchtrennte Sehnen, Nerven und Gefäße geht.

Biemer stand der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie 20 Jahre lang vor und wurde Ende vergangenen Jahres emeritiert. 1975 war das Klinikum europaweit das zweite Krankenhaus, das abgetrennte Finger und Hände erfolgreich transplantiert. Für die jetzige Op war Biemer nochmals an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt.

Die etwa 40 Chirurgen, Anästhesisten, Krankenschwestern und Pfleger waren in fünf Teams aufgeteilt. Je ein Team war für die Abnahme eines Arms bei der Leiche und für die Transplantation des Arms beim Empfänger zuständig. Ein fünftes Team transplantierte eine Beinvene beim Empfänger, um den Blutabfluss in den Armen zu verbessern.

Der Landarbeiter war nach seinem Unfall mit Prothesen versorgt worden, war jedoch mit den künstlichen Gliedern nicht zurechtgekommen und wollte eine Transplantation. Sein Wunsch verstärkte sich, als er im Fernsehen von dem Polizisten Theo Kelz aus Kärnten erfuhr, dem eine Briefbombe die Hände zerstört hatte und der seit acht Jahren mit transplantierten Händen lebt. Die Op war seinerzeit in Innsbruck ausgeführt worden.

Pläne für eine Transplantation kompletter Arme gab es in München schon länger. Bereits vor sieben Jahren hatten sich die Chirurgen der TU die Zustimmung der Ethikkommission eingeholt.

Über den Operationserfolg sind noch keine Aussagen möglich

Nicht nur die Operation selbst, sondern auch die ersten Tage danach seien für den Patienten optimal verlaufen, teilt die TU mit. Sein Zustand sei den Umständen entsprechend gut. Es gilt nun, auch künftig Wundheilungsstörungen, Infektionen, starke Nebenwirkungen der Medikamente und vor allem Abstoßungsreaktionen zu verhindern.

Über den Operationserfolg lassen sich jetzt noch keine Aussagen machen. Die Funktion der Arme und eine Empfindlichkeit der Hände werden sich erst allmählich einstellen. Nach Angaben der Operateure wachsen die Nerven nur langsam mit etwa einem Millimeter pro Tag in die fremden Arme hinein. Erst in etwa zwei Jahren werden sie die Fingerspitzen erreicht haben.

Details der Op gibt das Klinikum am Freitag bekannt.

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