Ärzte Zeitung, 16.09.2015

Gewalt gegen alte Menschen

Wie erkennen und verhindern?

Beim 27. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt stand Gewalt gegen alte Menschen im Fokus. Was sind die Ursachen, wie kann Opfern geholfen werden?

Von Pete Smith

Gewalt-AH.jpg

Eine Pflegerin fixiert die Hände einer verwirrten Altenheim-Bewohnerin.

© Jirka Albig / dpa

WIESBADEN. In Wiesbaden steht ein 45-jähriger Mann vor Gericht, weil er seine an Multipler Sklerose leidende Mutter misshandelt hat. Als er ihr das Gesicht zertrümmerte, stand er unter Drogeneinfluss.

Kurz nach der Tat rief er den Notdienst. Sein 70-jähriges Opfer wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert, starb jedoch vier Wochen später an den Folgen der Tat.

"Der Sohn war offensichtlich überfordert", sagte Dr. Barbara Hanussek vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Hessen auf dem Symposium "Gewalt gegen ältere Menschen" beim 27. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e. V. (DGG) in Frankfurt am Main.

Überforderung der pflegenden Angehörigen sei eine der häufigsten Ursache von Gewalt gegen Alte. Senioren würden beschimpft und bedroht, geschlagen, verletzt, eingesperrt, ans Bett gefesselt, vernachlässigt, bestohlen und sexuell misshandelt.

Je stärker die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt seien, so Hanussek, desto größer sei die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden.

Weitere Risikofaktoren sind körperliche Behinderungen, soziale Isolation und herausforderndes Verhalten wie ständige Unruhe oder lautes Rufen.

Regeln nach Kinderschutz-Vorbild

In Deutschland werden 70 Prozent der Pflegebedürftigen daheim versorgt. Das macht es schwierig, verlässliche Zahlen zum Ausmaß der Gewalt gegen ältere Menschen zu ermitteln.

Anna Grundel vom Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda stellte in Frankfurt eine Studie vor, die Professor Thomas Görgen von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster initiiert hat.

Der Kriminologe hat pflegende Angehörige in Deutschland um eine Selbstauskunft gebeten und auf diese Weise ermittelt, dass mehr als die Hälfte von ihnen schon einmal Gewalt gegenüber ihren Patienten ausgeübt haben: 47,3 Prozent psychische Gewalt, 19,4 Prozent körperliche Gewalt, 6,2 Prozent Vernachlässigung und 5,3 Prozent Freiheitsentzug.

Waren die Pflegepatienten dement, nahm die Häufigkeit an Gewalt stark zu. Die Ergebnisse werden von einer US-Studie gestützt, wonach zwei Drittel der Demenzkranken Opfer von Gewalt werden.

Die Probleme seien seit langem bekannt, doch geschehen sei bislang zu wenig, erklärte die Juristin und Psychoanalytikerin Professor Gisela Zenz beim Symposium der DGG und schlug vor, zum Schutz älterer Menschen vor allem das Hilfs- und Beratungsangebot für Familien auszubauen.

Vorbild könne der Kinderschutz sein. Beim Verdacht auf Kindesmisshandlung werde in der Regel das Familiengericht aktiv.

"Der Familienrichter bestraft jedoch nicht, sondern setzt zum Schutz des Kindes Hilfen für die Familie durch", so Zenz. Dagegen baue der Staat beim Verdacht auf Gewalt gegen alte Menschen allein auf strafrechtliche Maßnahmen.

"Die Abhängigkeit der Patienten von ihren pflegenden Angehörigen verhindert jedoch oft, dass überhaupt etwas geschieht."

Anna Grundel hat mit ihren Kollegen in Fulda das Versorgungsprojekt "Safer Care" entwickelt. Hierbei ging es darum, Pflegefachkräfte so zu schulen, dass sie Gewalt gegen Alte erkennen und adäquat darauf reagieren.

Welche Anzeichen deuten auf Gewalt? Wie spricht man pflegende Angehörige darauf an? Wie kann Gewalt dokumentiert werden? Wann darf ein Verdacht weitergeleitet werden? Und an wen?

Gewalt besser erkennen

Die Fuldaer Wissenschaftler haben ein Online-Tutorial (www.befund-gewalt.de) erarbeitet, in dem sie Warnsignale auflisten, die auf Gewalt deuten, und Tipps geben, wie man bei Verdacht das Gespräch mit allen Beteiligten führt.

Darüber hinaus haben sie Dokumentationsbögen entwickelt, die die Verdachtsmomente gerichtsverwertbar sichern.

Auf einen speziellen Bereich der Gewalt gegen pflegebedürftige Alte ging Professor Johannes Pantel vom Institut für Allgemeinmedizin der Uni Frankfurt ein.

Vor allem in der stationären Pflege würden Patienten häufig rechtswidrig fixiert oder eingesperrt. Nach einer Schätzung des MDK sind davon 140 000 der 700 000 Altenpflegeheimbewohner betroffen, am häufigsten Demenzkranke.

Zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen, so Pantel, zählten Vorrichtungen mit Trickschlössern, Fixiergurte, Bettgitter, Steckbretter, Leibchen, Bandagen und ruhigstellende Medikamente.

Grundsätzlich seien solche Maßnahmen, sofern sie nicht vom Gericht angeordnet werden, strafbar, weil sie gegen Artikel 2 des Grundgesetzes verstoßen.

Pflegekräfte begründeten Fixierungen häufig mit dem Schutz ihrer Patienten (Sturz- und Weglauf-Prävention).

"Doch es gibt keine einzige Studie, die den Nutzen der freiheitsentziehenden Maßnahmen belegt", machte Pantel klar.

Die Risiken dagegen seien belegt: Dazu gehören Druckulzera, die Zunahme von Aggressionen und Depressionen bis hin zum Tod durch Strangulation.

Mittels Aufklärung ließen sich freiheitsentziehende Maßnahmen deutlich reduzieren, sagte Pantel und verwies auf die Erfolge eines Projekts aus Stuttgart und Freiburg (www.redufix.de).

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »