Ärzte Zeitung, 17.01.2005

HINTERGRUND

Anonyme und geheime Geburten im Visier der Ermittler

Von Anja Hardenberg-Velings und Frank Christiansen

Sie gelten als bessere Alternative zu den Babyklappen und werden von Frauen in Not gut angenommen: Anonyme Geburten. Die Mütter können in einer Klinik unter ärztlicher Aufsicht sicher entbinden und anschließend unerkannt verschwinden, ohne Namen und Adressen hinterlassen zu haben. Die Kinder werden dann zur Adoption freigegeben.

"Eine Geburt ohne Angst", verspricht das Johanna- Etienne-Krankenhaus in Neuss bei Düsseldorf - wie auch einige andere deutsche Kliniken. Ziel ist in erster Linie, das Leben der Kinder zu retten. Doch nun überprüft die Staatsanwaltschaft diese Praxis.

Argwohn der Ermittler richtet sich auch gegen Kliniken

"Wir prüfen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens", sagt der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, Johannes Mocken. Die Ermittler haben dabei zwei Straftatbestände im Visier: Die Verletzung der Unterhaltspflicht und die Fälschung des Personenstands. Der Argwohn der Ermittler richtet sich nicht nur gegen die Mütter, sondern auch gegen die Krankenhaus-Mitarbeiter - sie könnten wegen Beihilfe oder sogar Anstiftung verfolgt werden.

Eltern sind zum Unterhalt für ihre Kinder verpflichtet

Mit der Geburt eines Kindes sind die Eltern zum Unterhalt für den Säugling verpflichtet. Wer sich dem entzieht, kann bestraft werden - die Höchststrafe liegt bei drei Jahren Haft. Die Nichtanzeige einer Geburt beim Standesamt gilt strafrechtlich als Personenstandsfälschung. Dafür drohen den Eltern des Kindes eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. In manchen Fällen von anonymen Geburten könnten sogar Jugendamtsmitarbeiter oder Polizisten in die Mühlen der Justiz geraten.

Die rechtlichen Bedenken bestehen im Prinzip auch gegen die Babyklappen. Auch bei Findelkindern in Babyklappen müsse versucht werden, die Eltern zu ermitteln, findet der Kölner Staatsanwalt Stephan Neuheuser. Nur so könne geklärt werden, ob die Eltern in einer absoluten wirtschaftlichen Notlage seien. Denn nur dann hätten sie sich in Sachen Unterhalt nicht strafbar gemacht.

Die Chance zur anonymen Geburt gilt als Ausweg

Schätzungen zufolge werden jedes Jahr etwa 40 bis 50 Säuglinge in Deutschland ausgesetzt - etwas mehr als die Hälfte von ihnen ist bereits tot oder stirbt kurz darauf. Die Babyklappen hätten daran leider wenig geändert, kritisieren Experten vom Deutschen Kinderschutzbund und dem Sozialdienst katholischer Frauen, der mehr als 20 Babyklappen betreut. Die Chance zur anonymen Geburt gilt als Ausweg.

Der Kontakt zur Mutter bietet im Gegensatz zu den Klappen die Chance, den Frauen Hilfe anzubieten und für eine Zukunft mit ihrem Kind zu werben. In der Neusser Klinik ist dies in mindestens zwei Fällen nicht gelungen, wie die Klinik mitgeteilt hat. Im Jahr 2003 wurden dort zwei Babys geboren, die seither als Vollwaisen gelten und deren Herkunft unbekannt zu bleiben droht.

Um die psychischen Folgen für das Kind zu lindern, empfiehlt die Klinik einen Kompromiß: die "geheime Geburt". Die Mutter hinterlegt dabei einen Brief mit ihrer Identität bei einem Notar, der dem Kind im Alter von 16 oder 18 Jahren zugeleitet wird.

Die rechtliche Grauzone wird vorerst bleiben

Bereits vor drei Jahren hat das Land Baden-Württemberg einen Gesetzentwurf in den Bundesrat eingebracht, um die Grauzone der anonymen und geheimen Geburten zu regeln. Doch im vergangenen September setzte die Länderkammer das Thema von der Tagesordnung ab. Die Grauzone bleibt. (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »