Ärzte Zeitung, 08.02.2005

Auch ältere Frauen können Opfer sexueller Gewalt sein

Alte Frauen haben große Scham, darüber zu sprechen

HANNOVER (dpa). Alter schützt nicht vor sexueller Gewalt. "Daß es Gewalt gegen ältere Frauen, auch pflegebedürftige, gibt, wird bislang so gut wie nicht wahrgenommen, aber es gibt sie", sagte Thomas Görgen, Leiter einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, in einem dpa-Gespräch. Gerade Ärzte müßten für das Thema sensibilisiert werden.

Im Jahr 2003 seien in der bundesweiten Polizeistatistik etwa 850 Frauen im Alter von mindestens 60 Jahren als Opfer von Sexualdelikten registriert worden. Bei drei Vierteln der Taten seien sie nicht körperlich angegriffen worden. Sie wurden aber beispielsweise von Exhibitionisten belästigt.

Es sei davon auszugehen, sagte Görgen, daß die Polizei von vielen Fällen sexueller Gewalt gegen Ältere nichts erfährt - besonders dann nicht, wenn diese Gewalt sich innerhalb einer Partnerschaft ereigne. "Darauf weisen vor allem Befragungen von Praktikerinnen in Frauenhäusern, bei Frauennotrufen und anderen Einrichtungen hin, die mit älteren Opfern sexueller Gewalt gearbeitet haben."

Görgen: "Die Scham, über sexuelle Gewalt zu sprechen, ist bei älteren Frauen besonders ausgeprägt." Die Fähigkeit, aus eigener Initiative Hilfe zu suchen, sei bei Frauen mit langjährigen Gewalterfahrungen vermindert. "Ältere Frauen sind zudem oft noch mit der Vorstellung aufgewachsen, es gehöre zu ihren ehelichen Pflichten, dem Partner sexuell zu Diensten zu sein", sagte der Psychologe. "Dementsprechend glauben manche Opfer, kein Recht zu haben, sich zu wehren, geschweige denn die Polizei zu rufen."

"Beratungsstellen gegen häusliche Gewalt und Altenhilfeeinrichtungen sollten ihre Zusammenarbeit verbessern", regte Görgen an. Vor allem Berater und Ärzte müßten für das Thema sensibilisiert werden. Schutzeinrichtungen wie Frauenhäuser sollten mit Plätzen für ältere Frauen, die nicht mehr allein für sich sorgen können, ausgestattet werden.

Infos im Internet über das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen: www.kfn.de

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