Ärzte Zeitung, 09.02.2006

Meist hält schon eine Diät Gestationsdiabetes in Schach

Wird früh therapiert, können ernste perinatale Komplikationen verhindert werden / Anwendung strenger Kriterien empfohlen

HEIDELBERG (bd). "Jede Schwangere ist als Risikopatientin für einen Gestationsdiabetes zu betrachten und sollte darauf untersucht werden", fordert Dr. Holger Maul aus Heidelberg. Ab der 20. Schwangerschaftswoche sollte dazu ein oraler Glukosetoleranztest (OGTT) vorgenommen werden.

Zur Begründung verwies der Gynäkologe auf die Daten einer kontrollierten britisch-australischen Studie mit 1000 Frauen (wir berichteten). Darin war belegt worden, daß eine Früherkennung des Gestationsdiabetes und eine entsprechend frühzeitige Diät oder Insulintherapie für Kind und Mutter deutliche Vorteile bringt.

So läßt sich die Präeklampsierate bei der Mutter um 30 Prozent senken und die Zahl der übergewichtigen Kinder über vier Kilogramm halbieren. Auch ernste perinatale Komplikationen wie Schulterdystokie, Totgeburten, Plexuslähmungen und Knochenfrakturen waren bei früher Therapie um ein Drittel niedriger als in der Kontrollgruppe.

Glukosetoleranztest schon im ersten Trimenon empfohlen

Der orale Glukosetoleranztest (OGTT) sollte schon im ersten Trimenon vorgenommen werden, wenn bei einer Schwangeren Risikofaktoren vorliegen, empfiehlt Maul. Dazu gehören Übergewicht (BMI über 27), früherer Gestationsdiabetes, bereits geborene Kinder mit über 4500 g Geburtsgewicht, ungeklärte Totgeburten und habituelle Aborte. Liegt der Blutzucker eine Stunde nach Gabe von 50 g Glukose (in 200 ml Wasser) über 140 mg/dl, folgt der Test mit 75 g.

Als Blutzucker-Grenzwerte werden nüchtern 90 mg/dl, eine Stunde postprandial 180 mg/dl und zwei Stunden postprandial 155 mg/dl angenommen. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft liegt ein Gestationsdiabetes vor, wenn zwei der drei Blutzuckerwerte erhöht sind, so der Gynäkologe bei einer Fortbildungsveranstaltung an der Heidelberger Uni-Frauenklinik.

    Grazer Kriterien sind Maß für einen Gestationsdiabetes.
   

"Wir gehen aber bereits von einem Gestationsdiabetes aus, wenn allein der Ein-Stunden-Wert erhöht ist", sagte er und riet, für die Grenzwerte die "Grazer Kriterien" heranzuziehen. Danach besteht schon bei einem Blutzuckergehalt von 160 mg/dl (eine Stunde postprandial) und 145 mg/dl (zwei Stunden postprandial) ein Gestationsdiabetes. Die Begründung: Nach Studiendaten hätten bei solchen Werten bereits 20 Prozent der Ungeborenen einen fetalen Hyperinsulinismus, sagte Maul.

Liegt ein Gestationsdiabetes vor, so könne man bei 70 bis 80 Prozent der Frauen schon mit einer Diät die Zielwerte (nüchtern 60 bis 90mg/dl, postprandial unter 140 mg/dl) erreichen. Bei zusätzlichen Risikofaktoren wie zu schnellem Wachstum des Ungeborenen oder Verdacht auf Polyhydramnion müßten die Zielwerte nach unten korrigiert werden (nüchtern 60 bis 80 mg/dl, postprandial unter 120mg/dl).

Sehr wichtig sei es, die Entwicklung des Kindes per Sonographie im Auge zu behalten (alle 10 bis 14 Tage). Denn auch bei normalen OGGT-Werten könne es zu Fehlentwicklungen kommen, "weil das Kind der Mutter den Zucker wegschnappt und er im mütterlichen Blut nicht ankommt", so Maul. Greift die Diät nicht, empfiehlt er eine stationäre Insulineinstellung mit einem kurzwirksamen Insulin zu den Mahlzeiten und einem Intermediär-Insulin in der Nacht in sehr niedriger Dosierung.

Diät-Empfehlungen bei Gestationsdiabetes: www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/frauenklinik/PDF/Gestationsdiabetes.pdf

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