Ärzte Zeitung, 03.05.2006

HINTERGRUND

Künstliche Befruchtung gelingt jetzt auch ohne Hormone

Von Kai Gerullis

Sie können es probieren und probieren - bei einigen Paaren erfüllt sich der Traum vom Kind nicht auf natürlichem Weg. Neue Hoffnung für Kinderlose ist die In-vitro-Maturation (IvM). Diese Methode der künstlichen Befruchtung kommt ohne Hormontherapie aus (wir berichteten).

"Eine ärztliche Untersuchung ist dann ratsam, wenn es nach einem Jahr nicht mit der Schwangerschaft geklappt hat", sagt Privatdozent Dr. Michael von Wolff, vom Universitätsklinikum Heidelberg. Die Gründe für unerfüllte Elternfreuden sind vielfältig. "So könnte etwa die Spermienqualität des Mannes ungenügend sein. Bei der Frau muß untersucht werden, ob die Eileiter in Ordnung sind und ob sie regelmäßig einen Eisprung bekommt", sagt von Wolff. Das könne mithilfe von Ultraschall, Röntgenbildern und Blut untersucht werden, erinnert das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM).

Zunächst werden einfache Verfahren ausprobiert

Ist die Ursache erkannt, verweist der Frauenarzt das Paar an eine so genannte Kinderwunschklinik. Dort wird ein Stufenplan aufgestellt. "Dieser kann vom gezielten Geschlechtsverkehr beim Eisprung bis hin zum Einführen von Samenzellen in die Gebärmutter führen", sagt von Wolff. Helfen auch diese einfachen Methoden nicht, empfehlen Kollegen häufig die künstliche Befruchtung.

Das gängige Verfahren ist die In-vitro-Fertilisation (IvF). Dabei wird die Ovulation der Frau durch Hormone ausgelöst. Anschließend werden ihr reife Eizellen entnommen und im Reagenzglas mit Sperma befruchtet. Die befruchtete Eizelle wird in die Gebärmutter eingesetzt. "Bei der Methode besteht bei etwa einem Prozent der Frauen die Gefahr einer hormonellen Überstimulation", erklärt von Wolff. Das könne zu einer gefährlichen Wasserbildung in der Lunge führen.

Dieses Risiko werde mit der IvM umgangen. Bei dem neuen Verfahren werden der Frau im Gegensatz zur IvF unreife Eizellen entnommen. "Eine Stimulation durch Hormone entfällt", erläutert von Wolff. Die Eizellen werden außerhalb des Körpers zum Reifen gebracht und mit Spermien befruchtet. Nach zwei bis drei Tagen überträgt der Kollege die befruchteten Eizellen in die Gebärmutter. Weil die IvM auf die belastenden Hormone verzichte, werde sie vielfach bereits als gängige Methode der Zukunft bezeichnet.

In-vitro-Maturation hat geringere Erfolgsquote

"Meiner Meinung nach ist das aber zu früh", betont von Wolff. "Weil die Methode noch neu ist, wissen wir noch nichts über eventuelle Risiken." Er empfiehlt die IvM aus medizinischer Sicht bislang nur Frauen mit Polyzystischem Ovarsyndrom (PCO). "Durch diese Stoffwechselstörung besteht bei der herkömmlichen IvF ansonsten ein hohes Risiko für die Überstimulation durch die Hormone", erklärt der Mediziner. "Ein Nachteil der IvM ist die im Vergleich geringere Effizienz", sagt von Wolff.

Denn egal ob IvM oder IvF: Eine Garantie, mit medizinischer Hilfe zum Nachwuchs zu kommen, gibt es nicht. Selbst wenn sich bei einer künstlichen Befruchtung ein Embryo im Körper der Frau einnistet, ist eine Schwangerschaft unsicher. Auch in diesem Stadium kann die Natur noch immer den Kinderwunsch verwehren.

Die meisten Embryonen entwickeln sich aufgrund eines Fehlers bei der Zellteilung nicht weiter. "Die Erfolgsquote bei der IvF liegt bei etwa 30 Prozent, die der IvM bei etwa 20 Prozent", so von Wolff. Häufig ist deshalb eine mehrfache Wiederholung nötig.

Erfolgreich oder nicht, eine künstliche Befruchtung ist für das Paar außer der hohen körperlichen und psychischen Belastung auch mit Kosten verbunden. Seit einer Gesetzesnovelle 2004 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nur noch einen Teil der Behandlung. "Die Kassen tragen die Hälfte der Kosten", sagt Dr. Kirsten Reinhard, Ärztin beim Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK).

Allerdings gelten dafür festgeschriebene Voraussetzungen: "Die Frau muß das 25. Lebensjahr vollendet haben und darf nicht älter als 40 Jahre sein", so Reinhard. Zudem sei die Zahl der Befruchtungen begrenzt. "Anteilig übernommen werden beispielsweise höchstens drei IvF-Versuche", sagt Reinhard. Die Kosten, die auf das Paar zukommen, hängen von der Behandlungsmethode und den Medikamenten ab.

"So kann der Eigenanteil zwischen 1000 und 1500 Euro liegen", erläutert Reinhard. Die IvM wird bislang nur an den Universitätskliniken in Lübeck und in Heidelberg vorgenommen. Für die Krankenkasse handelt es sich nicht um eine Standardtherapie. Der behandelnde Kollege sollte den Patienten daher immer ein Gespräch mit der Krankenkasse empfehlen. (ddp.vwd)

FAZIT

Für Paare mit Kinderwunsch, der sich auf natürlichem Wege nicht erfüllt, gibt es eine neue Option - die In-vitro-Maturation (IvM). Im Vergleich zur klassischen In-vitro-Fertilisation (IvF) hat die IvM einen wesentlichen Vorteil: Sie kommt ohne die belastende Hormontherapie der Frau aus. Noch fehlen jedoch umfassende Daten für die IvM, und die Methode kommt bisher nur an den Unikliniken in Lübeck und Heidelberg zum Einsatz. Und: Die IvM hat im Vergleich zur klassischen IvF eine geringere Erfolgsquote.

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