Ärzte Zeitung, 08.12.2006

Testosteron kurbelt Libido nach Ovarektomie an

Substitution kann Sexualleben bessern / In der Postmenopause sind Eierstöcke wichtiger Testosteron-Produzent

FRANKFURT AM MAIN (hbr). Frauen, denen in Verbindung mit einer Hysterektomie die Eierstöcke entfernt werden, haben ein hohes Risiko für sexuelle Probleme. Denn nicht nur ihr Östrogen-, sondern auch ihr Testosteron-Spiegel sinkt drastisch. Hier lohnt ein Therapieversuch mit einem Testosteron-Pflaster, das ab Januar erhältlich ist.

Eine Patientin im Gespräch mit ihrer Frauenärztin. Nach beidseitiger Ovarektomie brauchen viele Frauen Rat, weil die sexuelle Lust stark abnimmt. Foto: Klaro

Voraussetzung für eine solche Behandlung ist das Vorliegen einer "Hypoactive Sexual Desire Disorder" (HSDD), das heißt, einer Störung mit vermindertem sexuellem Verlangen. Dabei sind sexuelle Gedanken oder sexuelle Ansprechbarkeit ständig oder zumindest oft reduziert oder fehlen ganz.

Zur HSDD-Diagnostik empfiehlt Dr. Anneliese Schwenkhagen aus Hamburg: Wenn eine Patientin nach einer Ovarektomie einen Rückgang ihrer sexuellen Lust angibt, sollte sie gefragt werden, ob sie das seelisch belastet. Wenn ja, könnte eine HSDD vorliegen. Dann sollte geklärt werden, ob die Lustlosigkeit dauernd oder in bestimmten Situationen auftritt. Gegen Übermüdung oder Partnerkonflikte helfe kein Testosteron-Pflaster, sagte Schwenhagen.

Zusatztherapie mit Testosteron, wenn Östrogen nicht genügt

Anders ist es, wenn die Patientin einen klaren Zusammenhang mit einer Uterus- und Ovar-Entfernung sieht. Wenn in diesem Fall eine Östrogen-Substitution nur die klimakterischen Beschwerden, nicht aber die sexuelle Lustlosigkeit bessert, kann drei bis sechs Monate lang geprüft werden, ob die Patientin von einer zusätzlichen Testosteron-Therapie profitiert.

Denn: Ursache von HSDD kann Androgenmangel sein, sagte Schwenkhagen bei einer Veranstaltung von Procter & Gamble in Frankfurt am Main. "Auch Frauen brauchen ihr Testosteron", betonte die Kollegin. Das Hormon wird je nach Lebensphase verschieden intensiv produziert. So stammt bei jungen Frauen ein Viertel des Testosterons aus den Nebennierenrinden. Ein weiteres Viertel steuern die Ovarien bei. Der Rest entsteht durch Konversion von Östradiol im Fett- und Muskelgewebe.

In der Postmenopause aber ändert sich die Aufteilung. Der Konversionsanteil geht auf 40 Prozent zurück. Die adrenale Ausschüttung sinkt sogar auf zehn Prozent. Dafür werden die Eierstöcke zum wichtigsten Produzenten - 50 Prozent des im Blut zirkulierenden Testosterons stammen jetzt von ihnen.

Das macht die beidseitige Entfernung der Eierstöcke hormonell brisant: Dadurch fallen unter anderem die Testosteron-Spiegel im Blut rasch ab. Sie sind im Vergleich zum natürlichen Ablauf nur noch halb so hoch. Frauen mit natürlicher Menopause dagegen behalten mit den Ovarien die wichtigsten Testosteron-Produzenten dieser Lebensphase.

Die Folgen des Testosteron-Mangels können massiv sein: Schlafstörungen, Depressionen und Kopfschmerzen werden häufiger. Dafür nehmen sexuelle Motivation, Erregung und damit der Spaß am Sex ab, ebenso Muskelmasse und Knochendichte. So hatten Frauen mit beidseitiger Ovarektomie beim Vergleich der sexuellen Funktion mit gesunden Kontrollpersonen signifikant schlechtere Werte. Das betraf alle Prüfpunkte von der Häufigkeit sexueller Aktionen über Orgasmen oder Erregung bis hin zur Zufriedenheit in der Partnerschaft. Und die klimakterischen Beschwerden fallen ohne Eierstöcke oft deutlich stärker aus.

Nutzen des Pflasters in mehreren Studien belegt

"Testosteron ist also für Frauen wichtig", betont die Gynäkologin. Die exogene Zufuhr kann helfen, wenn das chirurgisch ausgelöste Hormondefizit Probleme macht. Das bestätigen mehrere Studien und eine Cochrane-Analyse. An der neuesten Studie (INTIMATE SM-2) nahmen 533 Frauen mit HSDD nach Entfernung von Uterus und Ovarien teil. Sie erhielten Placebo oder das Testosteron-Pflaster Intrinsa®. Letzteres hob mit täglich 300 µg Testosteron die freien Testosteronwerte in den mittleren prämenopausalen Normbereich. Innerhalb von 24 Wochen besserten sich sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität signifikant im Vergleich zum Placebo.

STICHWORT

HSDD

HSDD (Hypoactive Sexual Desire Disorder) ist definiert als ständiger oder wiederholter Mangel an sexuellen Gedanken und / oder der Bereitschaft zu sexuellen Aktivitäten, wobei die Betroffenen oder ihre Beziehungen darunter leiden. Ursache kann ein Testosteronmangel nach Entfernen der Eierstöcke sein. In einer solchen chirurgisch induzierten Menopause leben etwa sechs Millionen Frauen in Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien. Etwa 16 Prozent von ihnen haben HSDD. (hbr)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »